Adelbert von Chamisso Süßer Freund, du blickest (1829)

  Süßer Freund, du blickest
   Mich verwundert an,
  Kannst es nicht begreifen,
   Wie ich weinen kann;
5 Laß der feuchten Perlen
   Ungewohnte Zier
  Freudighell erzittern

   In den Wimpern mir.

  Wie so bang mein Busen,
10  Wie so wonnevoll!
  Wüßt ich nur mit Worten,
   Wie ich's sagen soll;
  Komm und birg dein Antlitz
   Hier an meiner Brust,
15 Will ins Ohr dir flüstern

   Alle meine Lust.

  Hab ob manchen Zeichen
   Mutter schon gefragt,
  Hat die gute Mutter
20  Alles mir gesagt,
  Hat mich unterwiesen,
   Wie, nach allem Schein,
  Bald für eine Wiege

   Muß gesorget sein.

25 Weißt du nun die Tränen,
   Die ich weinen kann,
  Sollst du nicht sie sehen,
   Du geliebter Mann;
  Bleib an meinem Herzen,
30  Fühle dessen Schlag,
  Daß ich fest und fester

   Nur dich drücken mag.

  Hier an meinem Bette
   Hat die Wiege Raum,
35 Wo sie still verberge
   Meinen holden Traum;
  Kommen wird der Morgen,
   Wo der Traum erwacht,
  Und daraus dein Bildnis
40  Mir entgegen lacht.

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