Albrecht von Haller Trauer-Ode, beym Absterben seiner geliebten Mariane,* (Nov. 1736) (1736)

  Soll ich von Deinem Tode singen?
  O Mariane! welch ein Lied!
  Wann Seufzer mit den Worten ringen,
  Und ein Begriff den andern flieht.
5 Die Lust, die ich an Dir gefunden,
  Vergrössert jetzund meine Noth;
  Ich öffne meines Herzens Wunden,
  Und fühle nochmahls Deinen Tod.

  Doch meine Liebe war zu heftig,
10 Und Du verdienst sie allzu wohl,
  Dein Bild bleibt in mir viel zu kräftig,
  Als daß ich von Dir schweigen soll.
  Es wird, im Ausdruck meiner Liebe,
  Mir etwas meines Glückes neu;
15 Als wann von Dir mir etwas bliebe,
  Ein zärtlich Abbild unsrer Treu.

  Nicht Reden, die der Witz gebieret,
  Nicht Dichter-Klagen fang ich an;
  Nur Seufzer, die ein Herz verlieret,
20 Wann es sein Leid nicht fassen kan.
  Ja, meine Seele will ich schildern,
  Von Lieb’ und Traurigkeit verwirrt,
  Wie sie, ergetzt an Trauer-Bildern,
  In Kummer-Labyrinthen irrt.

25 Ich seh Dich noch, wie du erblaßtest,
  Wie ich verzweiflend zu Dir trat,
  Wie Du die letzten Kräfte faßtest,
  Um noch ein Wort, das ich erbat.
  O Seele voll der reinsten Triebe!
30 Wie ängstig warst Du für mein Leid?
  Dein letztes Wort war Huld und Liebe,
  Dein letztes Thun Gelassenheit.

  Wo flieh ich hin? in diesen Thoren
  Hat jeder Ort, was mich erschreckt!
35 Das Haus hier, wo ich Dich verlohren;
  Der Tempel dort, der Dich bedeckt;
  Hier Kinder – Ach! mein Blut muß lodern
  Beym zarten Abdruck Deiner Zier,
  Wann sie Dich stammelnd von mir fodern;
40 Wo flieh ich hin? ach! gern zu Dir.

  O soll mein Herz nicht um Dich weinen!
  Hier ist kein Freund Dir nah als ich.
  Wer riß Dich aus dem Schooß der Deinen?
  Du liessest sie, und wähltest mich.
45 Dein Vaterland, Dein Recht zum Glücke,
  Das Dein Verdienst und Blut Dir gab,
  Die sind’s, wovon ich Dich entrücke,
  Wohin zu eilen? in Dein Grab.

  Dort in den bittern Abschieds-Stunden,
50 Wie Deine Schwester an Dir hieng,
  Wie, mit dem Land gemach verschwunden,
  Sie unserm letzten Blick entgieng;
  Sprachst Du zu mir, mit holder Güte,
  Die mit gelaßner Wehmut stritt;
55 Ich geh mit ruhigem Gemüthe,
  Was fehlt mir? Haller kömmt ja mit.

  Wie kan ich ohne Thränen denken
  An jenen Tag, der Dich mir gab?
  Noch jetzt mischt Lust sich mit dem Kränken,
60 Entzückung lößt mit Wehmuth ab.
  Wie zärtlich war Dein Herz im Lieben,
  Das Schönheit, Stand und Gut vergaß,
  Und mich, allein nach meinen Trieben,
  Und nicht nach meinem Glücke maß.

65 Wie bald verliessest Du die Jugend,
  Und flohst die Welt, um mein zu seyn;
  Du miedst den Weg gemeiner Tugend,
  Und warest schön für mich allein.
  Dein Herz hieng ganz an meinem Herzen,
70 Und sorgte nicht für Dein Geschick;
  Voll Angst, bey meinem kleinsten Schmerzen,
  Entzückt auf einen frohen Blick.

  Ein nie am Eiteln fester Wille,
  Der sich nach Gottes Fügung bog;
75 Vergnüglichkeit und sanfte Stille,
  Die weder Muth noch Leid bewog;
  Ein Vorbild kluger Zucht an Kindern,
  Ein ohne Blindheit zartes Herz;
  Ein Herz, gemacht mein Leid zu lindern;
80 War meine Lust, und ist mein Schmerz.

  Ach! herzlich hab ich Dich geliebet,
  Weit mehr als ich Dir kund gemacht,
  Mehr als die Welt mir Glauben giebet,
  Mehr als ich selbst vorhin gedacht.
85 Wie oft, wann ich Dich innigst küßte,
  Erzitterte mein Herz und sprach:
  Wie! wann ich Sie verlassen müßte!
  Und heimlich folgten Thränen nach.

  Ja, mein Betrübniß soll noch währen,
90 Wann schon die Zeit die Thränen hemmt:
  Das Herz kennt andre Arten Zähren,
  Als die die Wangen überschwemmt.
  Die erste Liebe meiner Jugend,
  Ein innig Denkmahl Deiner Huld,
95 Und die Verehrung Deiner Tugend,
  Sind meines Herzens stäte Schuld.

  Im dicksten Wald, bey finstern Buchen,
  Wo niemand meine Klagen hört,
  Will ich Dein holdes Bildniß suchen,
100 Wo niemand mein Gedächtnüß stört.
  Ich will Dich sehen, wie Du giengest
  Wie traurig, wann ich Abschied nahm;
  Wie zärtlich, wann Du mich umfiengest;
  Wie freudig, wann ich wieder kam.

105 Auch in des Himmels tiefer Ferne,
  Will ich im Dunkeln nach Dir sehn,
  Und forschen, weiter als die Sterne,
  Die unter Deinen Füssen drehn.
  Dort wird jetzt Deine Unschuld glänzen
110 Vom Licht verklärter Wissenschaft:
  Dort schwingt sich aus den alten Gränzen,
  Der Seele neu entbundne Kraft.

  Dort lernst Du Gottes Licht gewöhnen,
  Sein Rath wird Seligkeit für Dich;
115 Du mischest, mit der Engel Tönen,
  Dein Lied, und ein Gebet für mich.
  Du lernst den Nutzen meines Leidens,
  Gott schlägt des Schicksals Buch Dir auf:
  Dort steht die Absicht unsers Scheidens,
120 Und mein bestimmter Lebens-Lauf.

  Vollkommenste! die ich auf Erden
  So stark, und doch nicht gnug geliebt;
  Wie liebens-würdig wirst Du werden!
  Nun Dich ein himmlisch Licht umgiebt.
125 Mich überfällt ein brünstig Hoffen,
  O! sprich zu meinem Wunsch nicht nein!
  O! halt die Arme für mich offen!
  Ich eile, ewig Dein zu seyn.

  *Aeltester Tochter des Hrn. Samuel Wyß, Herrn zu Mathod und La Mothe,
130 und Marien von Dießbach, die der Verfasser den 19. Febr. 1731 geheyrathet,
  und den 30 Oct 1736 durch den Tod verlohren hat, da er eben einen Monat
  vorher in Göttingen angekommen war.

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