Aloys Schreiber

An den Mond in einer Herbstnacht (1819)

  Freundlich ist dein Antlitz,
  Sohn des Himmels!
  Leis sind deine Tritte
  Durch des Äthers Wüste,
5 Holder Nachtgefährte!

  Dein Schimmer ist sanft und erquickend,
  Wie das Wort des Trostes
  Von des Freundes Lippe,
  Wenn ein schrecklicher Geier
10 An der Seele nagt.

  Manche Träne siehst du,
  Siehst so manches Lächeln,
  Hörst der Liebe trauliches Geflüster,
  Leuchtest ihr auf stillem Pfade;
15 Hoffnung schwebt auf deinem Strahle,
  Herab zum stillen Dulder,
  Der verlassen geht
  Auf bedorntem Weg.

  Du siehst auch meine Freunde,
20 Zerstreut in fernen Landen:
  Du gießest deinem Schimmer
  Auch auf die frohen Hügel,
  Wo ich oft als Knabe hüpfte,
  Wo oft bei deinem Lächeln
25 Ein unbekanntes Sehnen
  Mein junges Herz ergriff.

  Du blickst auch auf die Stätte,
  Wo meine Lieben ruhn,
  Wo der Tau fällt auf ihr Grab,
30 Und die Gräser drüber wehn
  in dem Abendhauche.

  Doch dein Schimmer dringt nicht
  In die dunkle Kammer,
  Wo sie ruhen von des Lebens Müh'n,
35 Wo auch ich bald ruhen werde!
  Du wirst geh'n
  Und wiederkehren,
  Du wirst seh'n
  Noch manches Lächeln;
40 Dann werd' ich nicht mehr lächeln,
  Dann werd' ich nicht mehr weinen,
  Mein wird man nicht mehr gedenken
  Auf dieser schönen Erde.