Aloys Schreiber Der ewige Jude (1817)

  Von des Hügels kahlem Rücken
  Wankt ein hagrer Greis herab,
  Wandelt fort mit stieren Blicken
  Über Bäche ohne Brücken;
5 Nimmer ruht sein Wanderstab.

  Unter Bäumen sieht erblinken
  Einen Quell im Abendlicht,
  Aus der Quelle will ertrinken,
  In den Schatten will ersinken,
10 Doch ihn treibet das Gericht.

  Eine Blume will erpflücken,
  Laben sich an ihrem Duft:
  Nieder kann er sich nicht bücken,
  An sein Herz kein Wesen drücken,
15 Denn der Geist der Rache ruft.

  Unter abgestorb'nen Eiben
  Über Gräber geht sein Lauf:
  »Wird es mich denn ewig treiben,
  Darf ich auch bei euch nicht bleiben,
20 Nimmt auch hier mich Keiner auf?«

  Und die alten Gräber dröhnen,
  Geisterstimme ruft ihm zu:
  »Gott läßt nimmer sich verhöhnen;
  Eile fort, ihn zu versöhnen,
25 Störe nicht auch unsre Ruh!«

  Und er irrt mit scheuem Tritte
  Immer weiter ohne Plan,
  Und es suchen seine Schritte
  Keine Heimat, keine Hütte,
30 Er gehöret Niemand an!

  Unter alten Zwillingseichen
  Sieht er jetzt ein Denkmal stehn.
  Weh', es ist des Mittlers Zeichen,
  Ängstlich will er ihm entweichen,
35 Will ihn auch in Stein nicht sehn.

  Doch es drängt ihn, hin zu wallen
  Zu dem heil'gen Angesicht,
  Auf die Knie kann er fallen
  und mit schwacher Stimme lallen:
40 »Floß für mich dein Blut denn nicht?

  Ach! In deiner Todesstunde
  Raubt' ich dir die kleine Rast,
  Mit der Frevler Schar im Bunde,
  Höhnt' ich dich aus frechem Munde
45 Unter deines Kreuzes Last!

  Dein Gericht hat schwer getroffen;
  Ewig irrt mein Wanderstab
  Ohne Ruhe, ohne Hoffen.
  Ach! Kein Arm ist für mich offen,
50 Und kein Himmel und kein Grab.«

  Sieben goldne Strahlen reihen
  Jetzt sich um des Mittlers Haupt:
  »Wer gefehlt hat, darf bereuen,
  Und mein Antlitz Keiner scheuen,
55 Der mich liebt und an mich glaubt.

  Alle sind zu mir berufen,
  Alle durch des Vaters Huld;
  Hättest an des Kreuzes Stufen
  Früher du zu mir gerufen,
60 Längst getilgt wär deine Schuld.«

  Und der Wandrer sieht die Wunden
  Und das Blut, das ewig wallt.
  Plötzlich ist sein Geist entschwunden,
  Und vom Leben losgebunden
65 Kniet am Kreuze die Gestalt.

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