Anastasius Grün Mannesträne (1829)

  Mädchen, sahst du jüngst mich weinen? –
  Sieh, des Weibes Träne fließt
  Wie der klare Tau vom Himmel,
  Den er auf die Blumen gießt.

5 Ob die trübe Nacht ihn weinet,
  Lächelnd ihn der Morgen bringt,
  Stets nur labt der Tau die Blume
  Und sie hebt ihr Haupt verjüngt.

  Doch es gleicht des Mannes Träne
10 Edlem Harz aus Ostens Flur,
  Tief ins Herz des Baums verschlossen,
  Quillt's freiwillig selten nur.

  Schneiden mußt du in die Rinde
  Bis zum Kern des Marks hinein,
15 Und das edle Naß entträufelt
  Dann so golden, hell und rein.

  Bald zwar mag der Born versiegen,
  Und er Baum grünt fort und treibt,
  Und er grüßt noch manchen Frühling,
20 Doch der Schnitt, die Wunde – bleibt.

  Denke, Mädchen, jenes Baumes
  Auf des Ostens fernen Höhn;
  Denke, Mädchen, auch des Mannes,
  Den du weinen einst gesehn.

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