Annette von Droste-Hülshoff Am Turme (1840)

  Ich steh’ auf hohem Balkone am Turm,
  Umstrichen vom schreienden Stare,
  Und laß’ gleich einer Mänade den Sturm
  Mir wühlen im flatternden Haare;
5 O wilder Geselle, o toller Fant,
  Ich möchte dich kräftig umschlingen,
  Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
  Auf Tod und Leben dann ringen!

  Und drunten seh’ ich am Strand, so frisch
10 Wie spielende Doggen, die Wellen
  Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
  Und glänzende Flocken schnellen.
  O, springen möcht’ ich hinein alsbald,
  Recht in die tobende Meute,
15 Und jagen durch den korallenen Wald
  Das Walroß, die lustige Beute!

  Und drüben seh’ ich ein Wimpel wehn
  So keck wie eine Standarte,
  Seh‘ auf und nieder den Kiel sich drehn
20 Von meiner luftigen Warte;
  O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,
  Das Steuerruder ergreifen
  Und zischend über das brandende Riff
  Wie eine Seemöve streifen.

25 Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
  Ein Stück nur von einem Soldaten,
  Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
  So würde der Himmel mir raten;
  Nun muß ich sitzen so fein und klar,
30 Gleich einem artigen Kinde,
  Und darf nur heimlich lösen mein Haar,
  Und lassen es flattern im Winde!

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