Annette von Droste-Hülshoff Das Haus in der Haide (1842)

  Wie lauscht, vom Abendschein umzuckt,
  Die strohgedeckte Hütte,
  – Recht wie im Nest der Vogel duckt, –
  Aus dunkler Föhren Mitte.

5 Am Fensterloche streckt das Haupt
  Die weißgestirnte Stärke,
  Bläst in den Abendduft und schnaubt
  Und stößt an's Holzgewerke.

  Seitab ein Gärtchen, dornumhegt,
10 Mit reinlichem Gelände,
  Wo matt ihr Haupt die Glocke trägt,
  Aufrecht die Sonnenwende.

  Und drinnen kniet ein stilles Kind,
  Das scheint den Grund zu jäten,
15 Nun pflückt sie eine Lilie lind
  Und wandelt längs den Beeten.

  Am Horizonte Hirten, die
  Im Haidekraut sich strecken,
  Und mit des Aves Melodie
20 Träumende Lüfte wecken.

  Und von der Tenne ab und an
  Schallt es wie Hammerschläge,
  Der Hobel rauscht, es fällt der Span,
  Und langsam knarrt die Säge.

25 Da hebt der Abendstern gemach
  Sich aus den Föhrenzweigen,
  Und grade ob der Hütte Dach
  Scheint er sich mild zu neigen.

  Es ist ein Bild, wie still und heiß
30 Es alte Meister hegten,
  Kunstvolle Mönche, und mit Fleiß
  Es auf den Goldgrund legten.

  Der Zimmermann – die Hirten gleich
  Mit ihrem frommen Liede –
35 Die Jungfrau mit dem Lilienzweig –
  Und rings der Gottesfriede.

  Des Sternes wunderlich Geleucht
  Aus zarten Wolkenfloren –
  Ist etwa hier im Stall vielleicht
40 Christkindlein heut geboren?

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