Annette von Droste-Hülshoff Das Spiegelbild (1842)

  Schaust du mich an aus dem Kristall,
  Mit deiner Augen Nebelball,
  Kometen gleich die im Verbleichen;
  Mit Zügen, worin wunderlich
5 Zwei Seelen wie Spione sich
  Umschleichen, ja, dann flüstre ich:
  Phantom, du bist nicht meines Gleichen!

  Bist nur entschlüpft der Träume Hut,
  Zu eisen mir das warme Blut,
10 Die dunkle Locke mir zu blassen;
  Und dennoch, dämmerndes Gesicht,
  Drin seltsam spielt ein Doppellicht,
  Trätest du vor, ich weiß es nicht,
  Würd' ich dich lieben oder hassen?

15 Zu deiner Stirne Herrscherthron,
  Wo die Gedanken leisten Frohn
  Wie Knechte, würd ich schüchtern blicken;
  Doch von des Auges kaltem Glast,
  Voll todten Lichts, gebrochen fast,
20 Gespenstig, würd, ein scheuer Gast,
  Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

  Und was den Mund umspielt so lind,
  So weich und hülflos wie ein Kind,
  Das möcht in treue Hut ich bergen;
25 Und wieder, wenn er höhnend spielt,
  Wie von gespanntem Bogen zielt,
  Wenn leis' es durch die Züge wühlt,
  Dann möcht ich fliehen wie vor Schergen.

  Es ist gewiß, du bist nicht Ich,
30 Ein fremdes Daseyn, dem ich mich
  Wie Moses nahe, unbeschuhet,
  Voll Kräfte, die mir nicht bewust,
  Voll fremden Leides, fremder Lust;
  Gnade mir Gott, wenn in der Brust
35 Mir schlummernd deine Seele ruhet!

  Und dennoch fühl ich, wie verwandt,
  Zu deinen Schauern mich gebannt,
  Und Liebe muß der Furcht sich einen.
  Ja, trätest aus Kristalles Rund,
40 Phantom, du lebend auf den Grund,
  Nur leise zittern würd ich, und
  Mich dünkt – ich würde um dich weinen!

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