Annette von Droste-Hülshoff Der Geyerpfiff (1840)

  »Nun still! – Du an den Dohnenschlag!
  Du links an den gespaltnen Baum!
  Und hier der faule Fetzer mag
  Sich lagern an der Klippe Saum:
5 Da seht fein offen über's Land
  Die Kutsche ihr heran spazieren:
  Und Rieder dort, der Höllenbrand,
  Mag in den Steinbruch sich postiren!«

  »Dann aufgepaßt mit Aug' und Ohr,
10 Und bei dem ersten Räderhall
  Den Eulenschrei! und tritt hervor
  Die Fracht, dann wiederholt den Schall:
  Doch naht Gefahr – Patrouillen gehn, –
  Seht ihr die Landdragoner streifen,
15 Dann dreimal, wie von Riffeshöhn,
  Laßt ihr den Lämmergeier pfeifen.«

  »Nun, Rieder, noch ein Wort zu dir:
  Mit Recht heißt du der Höllenbrand;
  Kein Stückchen – ich verbitt' es mir –
20 Wie neulich mit der kalten Hand!«
  Der Hauptmann spricht es; durch den Kreis
  Ein Rauschen geht und feines Schwirren,
  Als sie die Büchsen schultern leis,
  Und in den Gurt die Messer klirren.

25 Seltsamer Troß! hier Riesenbau
  Und hiebgespaltnes Angesicht,
  Und dort ein Bübchen wie 'ne Frau,
  Ein zierliches Spelunkenlicht;
  Der drüben an dem Scheitelhaar
30 So sachte streift den blanken Fänger,
  Schaut aus den blauen Augen gar
  Wie ein verarmter Minnesänger.

  'S ist lichter Tag! die Bande scheut
  Vor keiner Stunde – Alles gleich; –
35 Es ist die rothe Bande, weit
  Verschrien, gefürchtet in dem Reich;
  Das Knäbchen kauert unter'm Stier
  Und betet, raschelt es im Walde,
  Und manches Weib verschließt die Thür,
40 Schreit nur ein Kukuk an der Halde.

  Die Posten haben sich zerstreut,
  Und in die Hütte schlüpft der Troß –
  Wildhüters Obdach, zu der Zeit,
  Als jene Trümmer war ein Schloß:
45 Wie Ritter vor der Ahnengruft,
  Fühlt sich der Räuber stolz gehoben
  Am Schutte, dran ein gleicher Schuft
  Vor Jahren einst den Brand geschoben.

  Und als der letzte Schritt verhallt,
50 Der letzte Zweig zurück gerauscht,
  Da wird es einsam in dem Wald,
  Wo über'm Ast die Sonne lauscht;
  Und als es drinnen noch geklirrt,
  Und noch ein Weilchen sich geschoben,
55 Da still es in der Hütte wird,
  Vom wilden Weingerank umwoben.

  Der scheue Vogel setzt sich kühn
  Auf's Dach und wiegt sein glänzend Haupt,
  Und summend durch der Reben Grün
60 Die wilde Biene Honig raubt;
  Nur leise wie der Hauch im Tann,
  Wie Weste durch die Halme streifen,
  Hört drinnen leise, leise man,
  Vorsichtig an den Messern schleifen. –

65 Ja, lieblich ist des Berges Maid
  In ihrer festen Glieder Pracht,
  In ihrer blanken Fröhlichkeit
  Und ihrer Zöpfe Rabennacht;
  Siehst du sie brechen durch's Genist
70 Der Brombeerranken, frisch, gedrungen,
  Du denkst, die Centifolie ist
  Vor Uebermut vom Stiel gesprungen.

  Nun steht sie still und schaut sich um –
  Allüberall nur Baum an Baum;
75 Ja, irre zieht im Walde um
  Des Berges Maid und glaubt es kaum;
  Noch zwei Minuten, wo sie sann,
  Pulsiren ließ die heißen Glieder, –
  Behende wie ein Marder dann
80 Schlüpft keck sie in den Steinbruch nieder.

  Am Eingang steht ein Felsenblock,
  Wo das Geschiebe überhängt;
  Der Epheu schüttelt sein Gelock,
  Zur grünen Laube vorgedrängt:
85 Da unter'm Dache lagert sie,
  Behaglich lehnend an dem Steine,
  Und denkt: ich sitze wahrlich wie
  Ein Heil'genbildchen in dem Schreine!

  Ihr ist so warm, der Zöpfe Paar
90 Sie löset mit der runden Hand,
  Und nieder rauscht ihr schwarzes Haar
  Wie Rabenfittiges Gewand.
  Ei! denkt sie, bin ich doch allein!
  Auf springt das Spangenpaar am Mieder;
95 Doch unbeweglich gleich dem Stein
  Steht hinter'm Block der wilde Rieder:

  Er sieht sie nicht, nur ihren Fuß,
  Der tändelnd schaukelt wie ein Schiff,
  Zuweilen treibt des Windes Gruß
100 Auch eine Locke um das Riff,
  Doch ihres heißen Odems Zug,
  Samumes Hauch, glaubt er zu fühlen,
  Verlorne Laute, wie im Flug
  Lockvögel, um das Ohr ihm spielen.

105 So weich die Luft und badewarm,
  Berauschend Thimianes Duft,
  Sie lehnt sich, dehnt sich, ihren Arm,
  Den vollen, streckt sie aus der Kluft,
  Schließt dann ihr glänzend Augenpaar –
110 Nicht schlafen, ruhn nur eine Stunde –
  So dämmert sie und die Gefahr
  Wächst von Sekunde zu Sekunde.

  Nun alles still – sie hat gewacht –
  Doch hinter'm Steine wird's belebt
115 Und seine Büchse sachte, sacht,
  Der Rieder von der Schulter hebt,
  Lehnt an die Klippe ihren Lauf,
  Dann lockert er der Messer Klingen,
  Hebt nun den Fuß – was hält ihn auf?
120 Ein Schrei scheint aus der Luft zu dringen!

  Ha, das Signal! – er ballt die Faust –
  Und wiederum des Geyers Pfiff
  Ihm schrillend in die Ohren saust –
  Noch zögert knirschend er am Riff –
125 Zum dritten Mal – und sein Gewehr
  Hat er gefaßt – hinan die Klippe!
  Daß bröckelnd Kies und Sand umher
  Nachkollern von dem Steingerippe.

  Und auch das Mädchen fährt empor:
130 »Ei, ist so locker das Gestein?«
  Und langsam, gähnend tritt hervor
  Sie aus dem falschen Heil'genschrein,
  Hebt ihrer Augen feuchtes Glühn,
  Will nach dem Sonnenstande schauen,
135 Da sieht sie einen Geyer ziehn
  Mit einem Lamm in seinen Klauen.

  Und schnell gefaßt, der Wildniß Kind,
  Tritt sie entgegen seinem Flug:
  Der kam daher, wo Menschen sind,
140 Das ist der Bergesmaid genug.
  Doch still! war das nicht Stimmenton
  Und Räderknarren? still! sie lauscht –
  Und wirklich, durch die Nadeln schon
  Die schwere Kutsche ächzt und rauscht.

145 »He, Mädchen!« ruft es aus dem Schlag,
  Mit feinem Knicks tritt sie heran:
  »Zeig uns zum Dorf die Wege nach,
  Wir fuhren irre in dem Tann!« –
  »Herr«, spricht sie lachend, »nehmt mich auf,
150 Auch ich bin irr' und führ' Euch doch.«
  »Nun wohl, du schmuckes Kind, steig auf,
  Nur frisch hinauf, du zögerst noch?«

  »Herr, was ich weiß, ist nur gering,
  Doch führt es Euch zu Menschen hin,
155 Und das ist schon ein köstlich Ding
  Im Wald, mit Räuberhorden drin:
  Seht, einen Weih am Bergeskamm
  Sah steigen ich aus jenen Gründen,
  Der in den Fängen trug ein Lamm;
160 Dort muß sich eine Heerde finden.« –

  Am Abend steht des Forstes Held
  Und flucht die Steine warm und kalt:
  Der Wechsler freut sich, daß sein Geld
  Er klug gesteuert durch den Wald:
165 Und nur die gute, franke Maid
  Nicht ahnet in der Träume Walten,
  Daß über sie so gnädig heut
  Der Himmel seinen Schild gehalten. –

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