Annette von Droste-Hülshoff Die Taxuswand (1838)

  Ich stehe gern vor dir,
  Du Fläche schwarz und rauh,
  Du schartiges Visier
  Vor meines Liebsten Brau’,
5 Gern mag ich vor dir stehen,
  Wie vor grundiertem Tuch,
  Und drüber gleiten sehen
  Den bleichen Krönungszug;

  Als mein die Krone hier,
10 Von Händen, die nun kalt;
  Als man gesungen mir
  In Weisen, die nun alt;
  Vorhang am Heiligtume,
  Mein Paradiesestor,
15 Dahinter Alles Blume,
  Und Alles Dorn davor.

  Denn jenseits weiß ich sie,
  Die grüne Gartenbank,
  Wo ich das Leben früh
20 Mit glühen Lippen trank,
  Als mich mein Haar umwallte
  Noch golden wie ein Strahl,
  Als noch mein Ruf erschallte,
  Ein Hornstoß, durch das Tal.

25 Das zarte Efeureis,
  So Liebe pflegte dort,
  Sechs Schritte, – und ich weiß,
  Ich weiß dann, daß es fort.
  So will ich immer schleichen
30 Nur an dein dunkles Tuch
  Und achtzehn Jahre streichen
  Aus meinem Lebensbuch.

  Du starrtest damals schon
  So düster treu wie heut‘,
35 Du, unsrer Liebe Thron
  Und Wächter manche Zeit;
  Man sagt, daß Schlaf, ein schlimmer,
  Dir aus den Nadeln raucht, –
  Ach, wacher war ich nimmer,
40 Als rings von dir umhaucht!

  Nun aber bin ich matt
  Und möcht an deinem Saum
  Vergleiten, wie ein Blatt
  Geweht vom nächsten Baum;
45 Du lockst mich wie ein Hafen,
  Wo alle Stürme stumm,
  O, schlafen möcht ich, schlafen,
  Bis meine Zeit herum!

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