Annette von Droste-Hülshoff Im Grase (1844)

  Süße Ruh', süßer Taumel im Gras,
  Von des Krautes Arom umhaucht,
  Tiefe Flut, tief, tief trunkne Flut,
  Wenn die Wolk' am Azure verraucht,
5 Wenn aufs müde schwimmende Haupt
  Süßes Lachen gaukelt herab,
  Liebe Stimme säuselt und träuft
  Wie die Lindenblüth' auf ein Grab.

  Wenn im Busen die Todten dann
10 Jede Leiche sich streckt und regt,
  Leise, leise den Odem zieht,
  Die geschloss'ne Wimper bewegt,
  Todte Lieb', todte Lust, todte Zeit,
  All die Schätze, im Schutt verwühlt,
15 Sich berühren mit schüchternem Klang
  Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.

  Stunden, flücht'ger ihr als der Kuß
  Eines Strahls auf den trauernden See,
  Als des zieh'nden Vogels Lied,
20 Das mir niederperlt aus der Höh',
  Als des schillernden Käfers Blitz,
  Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,
  Als der flücht'ge Druck einer Hand,
  Die zum letzten Male verweilt.

25 Dennoch, Himmel, immer mir nur
  Dieses Eine nur: für das Lied
  Jedes freien Vogels im Blau
  Eine Seele, die mit ihm zieht,
  Nur für jeden kärglichen Strahl
30 Meinen farbig schillernden Saum,
  Jeder warmen Hand meinen Druck
  Und für jedes Glück meinen Traum.

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