August Gottlieb Meißner Das schwarze Lischen aus Kastillien
Lisel war ein gutes Mädel,
Jung und rasch und treu
Lisel war ein gutes Mädel,
etwas schwarz dabey.
5 Lisel ging einmal ins Grüne,
Ging im nächsten Hain;
Und bald fand zu ihr ins Grüne
Sich ein Jüngling ein.
Schmuck und niedlich war der Bube
10 War wie Birken schlank
Schmuck und niedlich war der Bube
Lockend sein Gesang.
Mädel, schwur er, schwarzes Mädel
Dir gehört mein Herz.
15 Und schon glaubt das arme Mädel,
ernstlich sey sein Scherz.
Reich mir nur ein Honigküsschen
Schwarzes Liebchen her.
Willig reicht sie hin das Küsschen
20 Reicht ihm bald noch mehr.
Scheltet nicht; der Wald war düstern
Und was half ihr Schreyn?
Scheltet nicht der Wald war düstern
Und sie ganz allein.
25 Als sie nun von einander schieden,
Schwur er ewge Treu.
Doch sie waren kaum geschieden,
War sein Schwur vorbey.
Lisel deine Wang' erbleichet,
30 Frug die Mutter einst
Sprich! Warum dein Wänglein bleichet,
Und du einsam weinst?"
Ach ein Jüngling hat geschworen;
Und sein Schwur ist fort.
35 Ach ein Jüngling hat geschworen
Und mein Kränzlein dort -
Wenig Monden - dann o Mutter,
Werd ich Mutter seyn,
Wenig Monden - dann o Mutter
40 Scharrt man Lisen ein!
Und dann setzt auf meinen Hügel
Mir den Leichenstein:
Dieser kalte Totenhügel
Schließt ein Mädchen ein,
45 deren Blüt' im ersten Mayen
Untreu abgepflückt
Schwestern, weicht,
weil noch im Mayen
Euch die Blüte schmückt.
Bibliographische Daten
August Gottlieb Meißner (1753-1807)
Das schwarze Lischen aus Kastillien
Lisel war ein gutes Mädel, …
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