Christian Adolf Overbeck

Hochgesang (1789)

  Preis ihm, der alle Dinge
  Mit unerforschten Kraft erhält!
  Schweb' auf, mein Lied, und bringe
  Das Opfer, das dem Herrn gefällt!
5 Es rauscht von tausend Zungen
  Seun majestätisch Lob empor;
  Von Engel anbetungen
  Bis zu der Waldgesänge Chor.

  Entzücken! Es erhebet
10 Ihn auch des Menschen heilig Lied.
  Die Harfe Sions bebet,
  Der Andacht helle Wange glüht!
  Es steigt auf Cherubschwingen
  Der Adlerkühne Psalm zum Thron,
15 Des Grabsgenossen singen
  Der Welten Herrn, und seinen Sohn.

  Als, noch ein todes Wesen,
  Der Mensch vor seinem Bilder lag,
  Noch nicht zur Kraft genesen,
20 Die seinen innern Adel sprach;
  Als, ihren Herrn empfangend,
  Die neue Erd' in Feuer stand,
  Und, auf der Wolke hangend,
  Im Schaun der Seraph groß sich fand.

25 Da floß ein webend Feuer
  Von Gott in den geformten Thron;
  Da schlug sein Herz; und freier
  Hub seine Stirne sich; und schon
  Begann das erste Beben
30 Des Danks, des Psalmes ersten Laut,
  Der Blick hinab ins Leben,
  Der in Entzückungen nur schaut.

  Und wenn einst deine Hülle,
  Du Korn der Schnitterndte bricht,
35 Dann reifet in der Fülle
  Der Geist, und steigt von Licht zu Licht.
  In Engelfreuden trunken,
  Gesättigt mit Unsterblichkeit,
  Ist er in Gott versunken
40 Und ringt mit der Unendlichkeit.

  Das tut der Herr! - wir schweigen;
  Wir legen unsre Harfe hin! -
  Hallelujah! wir neigen
  Uns ihm, der liebte von Beginn.
45 Als Gott die Welten dachte,
  Da dacht' er der Geschöpfe Wohl;
  Als Gott den Menschen machte,
  Gab er den Wonnekelch ihm voll.

  Heil uns! Wir sind erkohren
50 Zu Pflegern in dem Heiligtum!
  Komm, werde bald gebohren,
  Tag der Vollendung, unser Ruhm,
  Der uns zu Priestern weihet! -
  Die Flamme des Altars am Thron
55 Ist ewig ausgestreuet!
  Preis unserm Gott, und seinem Sohn!