Christian Fürchtegott Gellert Vom Tode (1764)
Meine Lebenszeit verstreicht,
Stündlich eil ich zu dem Grabe,
Und was ist's, das ich vielleicht,
Das ich noch zu leben habe?
5 Denk, o Mensch, an deinen Tod!
Säume nicht, denn Eins ist Not!
Lebe, wie du, wenn du stirbst,
Wünschen wirst, gelebt zu haben
Güter, die du hier erwirbst,
10 Würden, die dir Menschen gaben;
Nichts wird dich im Tod erfreun;
Diese Güter sind nicht dein.
Nur ein Herz, das Gutes liebt,
Nur ein ruhiges Gewissen,
15 Das vor Gott dir Zeugnis gibt,
Wird dir deinen Tod versüßen;
Dieses Herz, von Gott erneut,
Ist des Todes Freudigkeit.
Wenn in deiner letzten Not
20 Freunde hülflos um dich beben:
Dann wird über Welt und Tod
Dich dies reine Herz erheben;
Dann erschreckt dich kein Gericht;
Gott ist deine Zuversicht.
25 Daß du dieses Herz erwirbst,
Fürchte Gott, und bet und wache.
Sorge nicht, wie früh du stirbst;
Deine Zeit ist Gottes Sache.
Lern nicht nur den Tod nicht scheun,
30 Lern auch seiner dich erfreun.
Überwind ihn durch Vertraun,
Sprich: Ich weiß, an wen ich gläube,
Und ich weiß, ich werd ihn schaun
Einst in diesem meinem Leibe.
35 Er, der rief: Es ist vollbracht!
Nahm dem Tode seine Macht.
Tritt im Geist zum Grab oft hin,
Siehe dein Gebein versenken;
Sprich: Herr, daß ich Erde bin,
40 Lehre du mich selbst bedenken;
Lehre du mich's jeden Tag,
Daß ich weiser werden mag!
Bibliographische Daten
Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769)
Vom Tode
Meine Lebenszeit verstreicht, …
1764
Aufklärung
- Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht
- Du klagst o Christ in schweren Leiden
- Aus dem Danklied zu Gott
- Jesus lebt, mit ihm auch ich
- Bußlied
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