Christian Morgenstern Der Werwolf (1907)

  Ein Werwolf eines Nachts entwich
  von Weib und Kind und sich begab
  an eines Dorfschullehrers Grab
  und bat ihn: »Bitte, beuge mich!«

5 Der Dorfschulmeister stieg hinauf
  auf seines Blechschilds Messingknauf
  und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
  geduldig kreuzte vor dem Toten:

  »Der Werwolf« – sprach der gute Mann,
10 »des Weswolfs, Genitiv sodann,
  dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,
  den Wenwolf, – damit hat’s ein End’.«

  Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
  er rollte seine Augenbälle.
15 »Indessen«, bat er, »füge doch
  zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!«

  Der Dorfschulmeister aber mußte
  gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
  Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
20 doch »Wer« gäb’s nur im Singular.

  Der Wolf erhob sich tränenblind –
  er hatte ja doch Weib und Kind!!
  Doch da er kein Gelehrter eben,
  so schied er dankend und ergeben.

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