Clemens Brentano Der goldne Tag ist heimgegangen (1799)

  Der goldne Tag ist heimgegangen;
  Ich sah ihn über die Berge ziehn,
  Und all mein sehnendes Verlangen
  Floh mit ihm hin.

5 Bunt ist wohl um des Jünglings Hüften
  Der schimmernde Mantel hingewallt,
  Und leise in den Himmelslüften
  Sein Lied verhallt.

  Ich sah wohl die glühenden Locken
10 Am Berge wehn,
  Oben ihn stehn,
  Und freundlich goldne Flocken
  Auf die Bahn hinsäen,
  Drauf weiter zu gehen.

15 Da breitet das Leben
  Die Schmetterlingsflügel,
  Am duftigen Hügel
  Ihn hoch zu erheben,
  Uns nochmals zu geben.

20 So traurig saß er oben
  Im Purpurzelt,
  Und grüßt‘ die Welt:
  Leb wohl da unten!

  Da hat ihn der Flügel
25 Mit Flammen umwunden,
  Am duftigen Hügel
  Hinübergehoben.

  Sein ödes Reich bleibt still zurücke,
  Die Welt verweilt ganz herrenlos.
30 Das Leben forscht mit trübem Blicke
  Im eignen Schoß.

  Ein düstrer Mantel rauschet nieder
  Rund um des Jünglings verlaßnen Thron,
  Und aus den Wäldern hallet wider
35 Ein trunkner Ton.

  Es rühren die nächtlichen Stunden
  Sich tief im Tal,
  Bereiten ein Mahl
  Im dämmernden Saal,
40 Mit dichten Gewändern umwunden.

  Ein matter Strahl
  Blinkt am Pokal,
  Und süß betrunken,
  Vom goldenen Wein,
45 Schlummert die jüngste
  Der Stunden schon ein,
  Die andern lauschen
  Von außenher zu,
  Und stürzen herein.
50 Es sterben die Funken,
  Hinabgesunken
  Ist der letzte Strahl
  Von ihrem Pokal.
  Sie irren und rauschen
55 Ohn‘ Schimmer und Schein,
  Ohn‘ alle Ruh‘.
  Zerstört ist das Mahl
  Und dunkel der Saal.

  Da schreiten die Stunden so leise
60 Wohl in die Nacht,
  Verhüllen auf finsterer Reise
  Mit ernstem Bedacht,
  In dunkeln Falten
  Die regen Gestalten,
65 An denen sie sinnend vorüberwallten,
  Und alles umarmt sich rings umher,
  Es giebt keine einzelne Rechte mehr,
  Es öffnet jed Leben dem andern die Brust,
  Und trinket mit Lust,
70 Ganz ohnbewußt,
  Den himmlischen Kuß,
  Den Wechselgenuß.
  So innig umschlungen,
  So heilig durchdrungen,
75 Umhüllet ein Rausch,
  Den lieblichen Tausch.

  Und endlich lösen die Arme sich auf,
  Der Mond zieht herauf;
  Der dämmernde Blick
80 Träumt trunkenen Traum.
  Im himmlischen Raum
  Erblühen die Sterne,
  Und kehret das Licht
  Bescheiden zurück.

85 Das Leben flicht
  Dann in der Ferne
  Den bräutlichen Kranz,
  Entzündet die Lieder,
  Erleuchtet den Tanz.
90 Die reizenden Glieder
  Umhüllt ein Gewand,
  Durchsichtig gewebet.
  Das Leben erhebet,
  Zum Himmel gewandt,
95 Den Busen, und strebet
  Sich wieder zu finden.
  Die Sehnsucht erwacht
  In schimmernder Nacht.

Neuen Kommentar hinzufügen

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt, die Moderation der Kommentare liegt allein bei Lyrik123.de. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.