Clemens Brentano Ein Becher voll von süßer Huld (1842)

  Ein Becher voll von süßer Huld
  Und eine glühnde Ungeduld
  Und eine arme trunkne Schuld
  Sie lehren mich zu flehen!

5 Du Becher voll von süßer Huld
  Vergieb der glühnden Ungeduld
  Vergieb die arme trunkne Schuld,
  Die ins Gericht will gehen.

  Den Becher voll von süßer Huld
10 Darf heut die glühnde Ungeduld
  Zur Buße armer trunkner Schuld
  Nicht sehn, und möcht' vergehen!

  Das freut den Becher süßer Huld
  Das schmerzt die glühnde Ungeduld
15 Das straft die arme trunkne Schuld
  Mit bittern, bittern Wehen.

  O Becher voll von süßer Huld,
  Woll' nicht die glühnde Ungeduld,
  Ob ihrer armen trunknen Schuld,
20 Die heute büßt, verschmähen.

  Fließ über Becher süßer Huld,
  Werd' Asche glühnde Ungeduld,
  Die mag die arme trunkne Schuld
  Gemischt mit Tränen säen.

25 Auf daß du Becher süßer Huld
  Um dich in Schmerzen der Geduld,
  Still auf dem Grab der armen Schuld
  Die Lilie kann erstehen.

  Die Lilie, die voll süßer Huld,
30 Du sahst im Garten der Geduld
  Mit Stern und Engel ohne Schuld
  Du leuchten hast gesehen.

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