Clemens Brentano „Ein Fischer saß im Kahne …“ (1810)

  Ein Fischer saß im Kahne,
  Ihm war das Herz so schwer,
  Sein Liebchen war gestorben,
  Das glaubt’ er nimmermehr.

5 Und bis die Sternlein blinken,
  Und bis zum Mondenschein,
  Harrt er sein Lieb zu fahren
  Wohl auf dem tiefen Rhein.

  Da kömmt sie hergegangen
10 Und steiget in den Kahn,
  Sie schwanket in den Knien,
  Hat nur ein Hemdlein an.

  Sie schwimmen auf den Wellen
  Hinab in tiefer Ruh’,
15 Da zittert sie und wanket,
  O Liebchen frierest Du?

  Dein Hemdlein spielt im Winde,
  Das Schifflein treibt so schnell;
  Hüll' dich in meinen Mantel,
20 Die Nacht ist kühl und hell.

  Sie strecket nach den Bergen
  Die weißen Arme aus,
  Und freut sich, wie der Vollmond
  Aus Wolken sieht heraus.

25 Und grüßt die alten Türme,
  Und will den hellen Schein,
  Mit ihren zarten Armen,
  Erfassen in dem Rhein.

  O setze dich doch nieder
30 Herzallerliebste mein!
  Das Wasser treibt so schnelle
  O fall nicht in den Rhein.

  Und große Städte fliegen
  An ihrem Kahn vorbei,
35 Und in den Städten klingen
  Der Glocken mancherlei.

  Da kniet das Mädchen nieder
  Und faltet seine Händ’
  Und seine hellen Augen
40 Es zu dem Himmel wendt.

  Lieb Mädchen bete stille,
  Schwank’ nicht so hin und her,
  Der Kahn, er möchte sinken,
  Das Wasser treibt so sehr.

45 In einem Nonnenkloster
  Da singen Stimmen fein
  Und in dem Kirchenfenster
  Sieht man den Kerzenschein.

  Da singt das Mädchen helle
50 Die Metten in dem Kahn,
  Und sieht dabei mit Tränen
  Den Fischerknaben an.

  Der Knabe singt mit Tränen
  Die Metten in dem Kahn,
55 Und sieht dabei sein Mädchen
  Mit stummen Blicken an.

  So rot und immer röter
  Wird nun die tiefe Flut,
  Und weiß und immer weißer
60 Das Mädchen werden tut.

  Der Mond ist schon zerronnen,
  Kein Sternlein mehr zu sehn,
  Und auch dem lieben Mädchen
  Die Augen schon vergehn.

65 Lieb Mädchen guten Morgen!
  Lieb Mädchen gute Nacht!
  Warum willst du nun schlafen?
  Da schon die Sonn’ erwacht.

  Die Türme blinken helle,
70 Und froh der grüne Wald
  Von tausend bunten Stimmen
  In lautem Sang erschallt.

  Da will er sie erwecken,
  Daß sie die Freude hör’,
75 Er sieht zu ihr hinüber
  Und findet sie nicht mehr.

  Und legt sich in den Nachen
  Und schlummert weinend ein,
  Und treibet weiter weiter
80 Bis in die See hinein.

  Die Meereswellen brausen
  Und schleudern ab und auf
  Den kleinen Fischernachen
  Der Knabe wacht nicht auf.

85 Doch fahren große Schiffe
  In stiller Nacht einher,
  So sehen sie die beiden
  Im Kahne auf dem Meer.

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