Clemens Brentano Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde (zur letzten Stunde des Jahres 1834 geschlossen) (1842)

  Einsam will ich untergehen
  Keiner soll mein Ende wissen
  Wird der Stern, den ich gesehen,
  Von dem Himmel mir gerissen,
5 Will ich einsam untergehen
  Wie ein Pilger in der Wüste.

  Einsam will ich untergehen
  Wie ein Pilger in der Wüste
  Wenn der Stern den ich gesehen
10 Mich zum letzten Male grüßte
  Will ich einsam untergehen
  Wie ein Bettler auf der Heide.

  Einsam will ich untergehen
  Wie ein Bettler auf der Heide
15 Gibt der Stern den ich gesehen
  Mir nicht ferner das Geleite
  Will ich einsam untergehen
  Wie der Tag im Abendgrauen.

  Einsam will ich untergehen
20 Wie der Tag im Abendgrauen
  Will der Stern, den ich gesehen
  Nicht mehr zu mir niedertauen
  Will ich einsam untergehen
  Wie ein Sklave an der Kette.

25 Einsam will ich untergehen
  Wie ein Sklave an der Kette
  Blickt der Stern, den ich gesehen
  Nicht mehr auf mein Dornenbette
  Will ich einsam untergehen
30 Wie ein Schwanenlied im Tode.

  Einsam will ich untergehen
  Wie ein Schwanenlied im Tode
  Ist der Stern den ich gesehen
  Mir nicht mehr ein Friedensbote
35 Will ich einsam untergehen
  Wie der Mond in wüsten Meeren.

  Einsam will ich untergehen
  Wie der Mond in wüsten Meeren
  Wird der Stern, den ich gesehen
40 Jemals weg von mir sich kehren
  Will ich einsam untergehen
  Wie der Trost in stummen Schmerzen.

  /p> Einsam will ich untergehen
  Wie der Trost in stummen Schmerzen
45 Sollt' den Stern, den ich gesehen
  Jemals meine Schuld verscherzen
  Will ich einsam untergehen
  Wie mein Herz in deinem Herzen.

  Einsam will ich untergehen
50 Wie mein Herz in deinem Herzen
  Kehrt der Stern, den ich gesehen
  Kalt sich ab von meinen Schmerzen
  Will ich einsam untergehen
  Wie mein Blick in deinen Blicken.

55 Einsam will ich untergehen
  Wie mein Blick in deinen Blicken
  Wird der Stern, den ich gesehen
  Nicht mehr nickend mich entzünden
  Will ich einsam untergehen
60 Wie die Blume deiner Lippen.

  Einsam will ich untergehen
  Wie die Blume deiner Lippen
  Zeigt der Stern, den ich gesehen
  Nicht den Weg mehr durch die Klippen
65 Will ich einsam untergehen
  Wie mein Kuß an deinen Wangen.

  Einsam will ich untergehen
  Wie mein Kuß an deinen Wangen
  Bricht der Stern, den ich gesehen
70 Nicht mein Herz mehr mit Verlangen
  Will ich einsam untergehen
  Wie die Träne dir im Busen.

  Einsam will ich untergehen
  Wie die Träne dir im Busen
75 Weckt der Stern, den ich gesehen
  Mir nicht lächelnd mehr die Musen
  Will ich einsam untergehen
  Wie mein Dank zu deinen Füßen.

  Einsam will ich untergehen
80 Wie mein Dank zu deinen Füßen
  Wird der Stern, den ich gesehen
  Nicht mehr mild mein Leid versüßen
  Will ich einsam untergehen
  Wie mein Licht in deiner Sonne.

85 Einsam will ich untergehen
  Wie mein Licht in deiner Sonne
  Bricht der Stern, den ich gesehen
  Wie mein Blick in dir du Wonne
  Will ich einsam untergehen
90 Wie dein Nam' in Todes Munde.

  Einsam will ich untergehen
  Wie dein Nam' in Todes Munde
  Taut der Stern, den ich gesehen
  Nicht mehr Lindrung meiner Wunde
95 Will ich einsam untergehen
  Wie ein Kind stirbt, eh' geboren.

  Einsam will ich untergehen
  Wie ein Kind stirbt, eh' geboren
  Geht der Stern, den ich gesehen
100 Geht dein Stern mir je verloren
  Will ich einsam untergehen
  Wie mein Herz vor dir Cäcilie.

  Einsam will ich untergehen
  Wie mein Herz vor die Cäcilie
105 Lacht der Stern, den ich gesehen
  Mir nicht mehr auf dir du Lilie
  Will ich einsam untergehen
  Wie allein, allein, alleine.

  Einsam will ich untergehen
110 Wie allein, allein, alleine
  Blitzt der Stern, den ich gesehen
  Nicht in Tränen die ich weine
  Will ich einsam untergehen
  Wie arm Lind fleht bitte, bitte.

115 Einsam muß ich heim nun gehen
  Auf arm Lindis »bitte, bitte,«
  O mein Stern, dein süßes Flehen,
  wenn du wüßtest, was ich bitte
  Hätte mir noch zugesehen,
120 Bis mein Herz brach in der Mitte.

  Einsam muß ich heim nun gehen
  Und mein Herz brach in der Mitte,
  Stern, du hast mich angesehen,
  Hast gefesselt meine Schritte,
125 Mußt doch einsam untergehen
  Wie dies Jahr zur zwölften Stunde.

  Untergehen, auferstehen
  Stern der Lieb' – jetzt schlägt die Stunde!
  Stern willst du jetzt schlafen gehen?
130 Tauch' zu meines Herzens Grunde,
  Brauchst nicht links nicht rechts zu drehen,
  es ist dein und Wund' an Wunde.

  Wund' an Wunde – o süß Liebchen!
  Neue Wunde ist das Grübchen,
135 Das der Liebe Stern eindrücket,
  Wenn entschlummernd süß er zücket,
  Und verwundend Strahlen schießet
  Auges Wimper, die sich schließet.
  Ruh' fein still am kleinen Kissen -
140 Ach ich hab' dran weinen müssen!
  Sei in Dornen, meine Lilie!

  Wie ein Rosenzaun, Cäcilie,
  Soll mein Lieben dich umschließen
  Dirwärts nur die Rosen sprießen
145 Mirwärts nur die scharfen Dornen,
  Die mich zum Verbluten spornen.
  Duftet Rosen ihr der Süßen,
  Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen,
  Einen dichten Kranz von Schmerzen
150 All erblüht in meinem Herzen,
  All erbaut in bangem Sehnen
  All betaut von heißen Tränen,
  Ihr demütig lag zu Füßen,
  Ach die ihn nicht von sich stießen,
155 Die ich durfte treu umschlingen
  Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen,
  Selig starb die letzte Rose
  Still entblättert ihr im Schoße!

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