Clemens Brentano Komm heraus, komm heraus, o du schöne, schöne Braut (1834)

  DIE GESPIELEN

  Komm heraus, komm heraus, o du schöne, schöne Braut,
  Deine guten Tage sind nun alle, alle aus.
  Dein Schleierlein weht so feucht und tränenschwer,
5 O wie weinet die schöne Braut so sehr!
  Mußt die Mägdlein lassen stehn,
  Mußt nun zu den Frauen gehn.

  DIE LILIENFRÄULEIN

  Ihr klugen Jungfraun zieht hinaus,
10 Die Lampen sind geschmücket,
  Ans Herz den reinen Blumenstrauß
  Der Bräutigam nun drücket,
  Ihr Lilien gebt der Braut Geleit,
  Ihr tragt ein schönres Ehrenkleid,
15 Ein hochzeitlicheres Geschmeid,
  Als Salomo in Herrlichkeit.

  DIE GESPIELEN

  Lege an, lege an heut auf kurze, kurze Zeit
  Deine Seidenröslein, dein reiches Brustgeschmeid,
20 Dein Schleierlein weht so feucht und tränenschwer,
  O wie weinet die schöne Braut so sehr!
  Mußt die Zöpflein schließen ein
  Unterm goldnen Häubelein.

  DIE LILIENFRÄULEIN

25 Heb an du liebe Nachtigall
  Dein kunstreich Figurieren,
  Hilf uns mit deinem süßen Schall
  Das Brautlied musizieren,
  Das Lerchlein soll sein – »dir, dir, dir,
30 Dir Gott sei Lob« auch für und für
  Erschwingen in dem höchsten Ton
  Bis auf zu Gott im Himmelsthron.

  DIE GESPIELEN

  Lache nicht, lache nicht, deine Gold- und Perlenschuh,
35 Werden dich schon drücken, sind eng genug dazu,
  Dein Schleierlein weht so feucht und tränenschwer,
  O wie weinet die schöne Braut so sehr!
  Wenn die andern tanzen gehn,
  Mußt du bei der Wiege stehn.

40 DIE LILIENFRÄULEIN

  Du blauer Himmel spann‘ ein Zelt,
  Den Bräutigam zu grüßen,
  Ihr Blümlein webet übers Feld
  Den Teppich ihm zu Füßen,
45 Ihr Lüftlein reget dann geschwind
  Die Glöcklein, daß sie duftend lind
  Tau-Perlen streuen auf der Au
  Ums arme Kind von Hennegau.

  DIE GESPIELEN

50 Winke nur, winke nur, sind gar leichte, leichte Wink,
  Bis den Finger drücket der goldne Treuering.
  Dein Schleierlein weht so feucht und tränenschwer,
  O wie weinet die schöne Braut so sehr!
  Ringlein sehn heut lieblich aus,
55 Morgen werden Fesseln draus.

  DIE LILIENFRÄULEIN

  Wir Lilien aus dem Liliental,
  Wir kehren einstens wieder,
  Dann in ein Bettchen eng und schmal
60 Sinkt müd dein Brautkleid nieder,
  Dann naht der Seelenbräutigam
  Das Lamm von königlichem Stamm,
  Und wer ihm nicht entgegengeht,
  Bleibt unerhört und unerhöht.

65 DIE GESPIELEN

  Springe heut, springe heut deinen letzten, letzten Tanz,
  Welken erst die Rosen, stechen Dornen in dem Kranz,
  Dein Schleierlein weht so feucht und tränenschwer,
  O wie weinet die schöne Braut so sehr!
70 Mußt die Blümlein lassen stehn,
  Mußt nun auf den Acker gehen.

  DIE LILIENFRÄULEIN

  Führt sternenreine Engellein
  Die Braut auf guter Weide,
75 Durch Lieb und Leid, bis klar und rein
  Der Geist im Lilienkleide
  Sich scheidet von dem Dornental
  Und mit uns singt beim Hochzeitsmahl:
  O Stern und Blume, Geist und Kleid
80 Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!

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