Clemens Brentano Meister, ohne dein Erbarmen (1839)

  Meister, ohne dein Erbarmen
  Muß im Abgrund ich verzagen,
  Willst du nicht mit starken Armen
  Wieder mich zum Lichte tragen.

5 Jährlich greifet deine Güte
  In die Erde, in die Herzen,
  Jährlich weckest du die Blüte,
  Weckst in mir die alten Schmerzen.

  Einmal nur zum Licht geboren,
10 Aber tausendmal gestorben,
  Bin ich ohne dich verloren,
  Ohne dich in mir verdorben.

  Wenn sich so die Erde reget
  Wenn die Luft so sonnig wehet,
15 Dann wird auch die Flut beweget,
  Die in Todesbanden stehet.

  Und in meinem Herzen schauert
  Ein betrübter, bittrer Bronnen,
  Wenn der Frühling draußen lauert,
20 Kommt die Angstflut angeronnen.

  Weh durch gift'ge Erdenlagen,
  Wie die Zeit sie angeschwemmet,
  Habe ich den Schacht geschlagen
  Und er ist nur schwach verdämmet.

25 Wenn nun rings die Quellen schwellen,
  Wenn der Grund gebärend ringet
  Brechen her die bittern Wellen,
  Die kein Witz, kein Fluch mir zwinget.

  Andern ruf' ich: schwimme! schwimme!
30 Mir kann solcher Ruf nicht taugen,
  Denn in mir ja steigt die grimme
  Sündflut, bricht aus meinen Augen.

  Und dann scheinen bös Gezüchte
  Mir die bunten Lämmer alle,
35 Die ich grüßte, süße Früchte,
  Die mir reiften, bittre Galle.

  Herr, erbarme du dich meiner,
  Daß mein Herz neu blühend werde,
  Mein erbarmte sich noch keiner
40 Von den Frühlingen der Erde.

  Meister, wenn dir alle Hände
  Nahn mit süß erfüllten Schalen,
  Kann ich mit der bittern Spende
  Meine Schuld dir nimmer zahlen.

45 Ach! wie ich auch tiefer wühle,
  Wie ich schöpfe, wie ich weine,
  Nimmer ich den Schwall erspüle
  Zum Kristallgrund fest und reine.

  Immer stürzen mir die Wände,
50 Jede Schicht hat mich belogen,
  Und die arbeitblut'gen Hände
  Brennen in den bittern Wogen.

  Weh der Raum wird immer enger,
  Wilder, wüster stäts die Wogen,
55 Herr, o Herr! ich treib's nicht länger,
  Schlage deinen Regenbogen!

  Herr ich mahne dich, verschone!
  Herr, ich hört' in jungen Tagen,
  Wunderbarer Segen wohne
60 Ach! in deinem Blute – sagen.

  Und so muß ich zu dir schreien,
  Schreien aus der bittern Tiefe,
  Könntest du auch nie verzeihen,
  Daß dein Knecht so kühnlich riefe.

65 Daß des Lichtes Quelle wieder
  Rein und heilig in mir flute,
  Träufle einen Tropfen nieder
  Jesus mir von deinem Blute.

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