Clemens Brentano Nachklänge Beethovenscher Musik (1814)

  1.
  Einsamkeit, du Geisterbronnen,
  Mutter aller heil'gen Quellen,
  Zauberspiegel innrer Sonnen,
5 Die berauschet überschwellen,
  Seit ich durft' in deine Wonnen
  Das betrübte Leben stellen,
  Seit du ganz mich überronnen
  Mit den dunklen Wunderwellen,
10 Hab' zu tönen ich begonnen,
  Und nun klingen all die hellen
  Sternenchöre meiner Seele,
  Deren Takt ein Gott mir zähle,
  Alle Sonnen meines Herzens,
15 Die Planeten meiner Lust,
  Die Kometen meines Schmerzens,
  Klingen hoch in meiner Brust.
  In dem Monde meiner Wehmut,
  Alles Glanzes unbewußt,
20 Kann ich singen und in Demut
  Vor den Schätzen meines Innern,
  Vor der Armut meines Lebens,
  Vor der Allmacht meines Strebens
  Dein, o Ew'ger, mich erinnern!
25 Alles andre ist vergebens.

  2.
  Gott, dein Himmel faßt mich in den Haaren,
  Deine Erde zieht mich in die Hölle,
  Gott, wie soll ich doch mein Herz bewahren,
30 Daß ich deine Schätze sicherstelle,
  Also fleht der Sänger und es fließen
  Seine Klagen hin wie Feuerbronnen,
  Die mit weiten Meeren ihn umschließen;
  Doch inmitten hat er Grund gewonnen,
35 Und er wächst zum rätselvollen Riesen.
  Memnons Bild, des Aufgangs erste Sonnen,
  Ihre Strahlen dir zur Stirne schießen,
  Klänge, die die alte Nacht ersonnen
  Tönest du, den jüngsten Tag zu grüßen:
40 Auserwählt sind wen'ge, doch berufen
  Alle, die da hören, an die Stufen. –

  3.
  Selig, wer ohne Sinne
  Schwebt, wie ein Geist auf dem Wasser,
45 Nicht wie ein Schiff – die Flaggen
  Wechslend der Zeit, und Segel
  Blähend, wie heute der Wind weht,
  Nein ohne Sinne, dem Gott gleich,
  Selbst sich nur wissend und dichtend
50 Schafft er die Welt, die er selbst ist,
  Und es sündigt der Mensch drauf,
  Und es war nicht sein Wille!
  Aber geteilet ist alles.
  Keinem ward alles, denn jedes
55 Hat einen Herrn, nur der Herr nicht;
  Einsam ist er und dient nicht,
  So auch der Sänger!

  4.
  Nichts weiß ich von dir, o Wellington,
60 Aber die Welle
  Tönt deinen Namen so brittisch.
  Kleinod der Erde, England
  Eiland, vom Meere gegürtet
  Jungfräulich, Arche auf grünenden
65 Hügeln ruhend, der Sündflut
  Bist du entrücket, dich lieb' ich,
  Nicht um handelbequeme
  Gestalt in mancher Vollendung,
  Nein um dich nur, denn heilig
70 Sind wohl die Inseln. Die Sterne
  Gürtet umsonst nicht das Blau,
  Und die sehenden Augen,
  Wunderinseln des Lichtes,
  Schwimmen umsonst nicht im Glanz;
75 Was umarmt ist, ist Tempel,
  Freistatt des Geistes, der die Welt trägt.
  Wer möchte sonst leben?

  5.
  Wer hat die Schlacht geschlagen,
80 Wer hat die Schlacht getönt,
  Wer hat den Sichelwagen,
  Der über das Blutfeld dröhnt,
  Harmonisch hinübergetragen,
  Daß sich der Schmerz versöhnt?
85 Wen hat in heißen Tagen
  Ein solcher Kranz gekrönt,
  Wer darf so herrlich ragen,
  Von Sieg und Kunst verschönt.
  Wellington in Tones Welle
90 Woget und wallet die Schlacht,
  Wie eines Vulkanes Helle,
  Durch die heilige Sternennacht.
  Er spannt dir das Roß aus dem Wagen,
  Und zieht dich mit Wunderakkorden
95 Durch ewig tönende Pforten.
  Triumph, auf Klängen getragen!
  Wellington, Viktoria!
  Beethoven, Gloria!

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