Clemens Brentano „Zu Bacharach am Rheine …“ (Lore Lay) (1809)

  Zu Bacharach am Rheine
  Wohnt eine Zauberin,
  Sie war so schön und feine
  Und riß viel Herzen hin.

5 Und brachte viel zu schanden
  Der Männer rings umher,
  Aus ihren Liebesbanden
  War keine Rettung mehr.

  Der Bischof ließ sie laden
10 Vor geistliche Gewalt –
  Und mußte sie begnaden,
  So schön war ihr’ Gestalt.

  Er sprach zu ihr gerühret:
  „Du arme Lore Lay!
15 Wer hat dich denn verführet
  Zu böser Zauberei?“

  „Herr Bischof laßt mich sterben,
  Ich bin des Lebens müd,
  Weil jeder muß verderben,
20 Der meine Augen sieht.

  Die Augen sind zwei Flammen,
  Mein Arm ein Zauberstab –
  O legt mich in die Flammen!
  O brechet mir den Stab!“

25 „Ich kann dich nicht verdammen,
  Bis du mir erst bekennt,
  Warum in diesen Flammen
  Mein eigen Herz schon brennt.

  Den Stab kann ich nicht brechen,
30 Du schöne Lore Lay!
  Ich müßte dann zerbrechen
  Mein eigen Herz entzwei.“

  „Herr Bischof mit mir Armen
  Treibt nicht so bösen Spott,
35 Und bittet um Erbarmen,
  Für mich den lieben Gott.

  Ich darf nicht länger leben,
  Ich liebe keinen mehr –
  Den Tod sollt Ihr mir geben,
40 Drum kam ich zu Euch her. –

  Mein Schatz hat mich betrogen,
  Hat sich von mir gewandt,
  Ist fort von hier gezogen,
  Fort in ein fremdes Land.

45 Die Augen sanft und wilde,
  Die Wangen rot und weiß,
  Die Worte still und milde
  Das ist mein Zauberkreis.

  Ich selbst muß drin verderben,
50 Das Herz tut mir so weh,
  Vor Schmerzen möcht’ ich sterben,
  Wenn ich mein Bildnis seh’.

  Drum laßt mein Recht mich finden,
  Mich sterben, wie ein Christ,
55 Denn alles muß verschwinden,
  Weil er nicht bei mir ist.“

  Drei Ritter läßt er holen:
  „Bringt sie ins Kloster hin,
  Geh Lore! – Gott befohlen
60 Sei dein berückter Sinn.

  Du sollst ein Nönnchen werden,
  Ein Nönnchen schwarz und weiß,
  Bereite dich auf Erden
  Zu deines Todes Reis'.“

65 Zum Kloster sie nun ritten,
  Die Ritter alle drei,
  Und traurig in der Mitten
  Die schöne Lore Lay.

  „O Ritter laßt mich gehen,
70 Auf diesen Felsen groß,
  Ich will noch einmal sehen
  Nach meines Lieben Schloß.

  Ich will noch einmal sehen
  Wohl in den tiefen Rhein,
75 Und dann ins Kloster gehen
  Und Gottes Jungfrau sein.“

  Der Felsen ist so jähe,
  So steil ist seine Wand,
  Doch klimmt sie in die Höhe,
80 Bis daß sie oben stand.

  Es binden die drei Ritter,
  Die Rosse unten an,
  Und klettern immer weiter,
  Zum Felsen auch hinan.

85 Die Jungfrau sprach: „da gehet
  Ein Schifflein auf dem Rhein,
  Der in dem Schifflein stehet,
  Der soll mein Liebster sein.

  Mein Herz wird mir so munter,
90 Er muß mein Liebster sein! –“
  Da lehnt sie sich hinunter
  Und stürzet in den Rhein.

  Die Ritter mußten sterben,
  Sie konnten nicht hinab,
95 Sie mußten all verderben,
  Ohn’ Priester und ohn’ Grab.

  Wer hat dies Lied gesungen?
  Ein Schiffer auf dem Rhein,
  Und immer hat’s geklungen
100 Von dem drei Ritterstein:

  Lore Lay
  Lore Lay
  Lore Lay

  Als wären es meiner drei.

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