Conrad Ferdinand Meyer Die Flucht Karls I. (1865)

  Einer voraus mit verwilderten Locken,
  Finster das Antlitz, den Hut überschneit,
  Sprengende Reiter und wirbelnde Flocken!
  Ist es Verfolgung? Ist es ein Geleit?

5 Karl ist’s, der König, mit wenig Genossen,
  Und vor dem Feind zu dem Feind muß er flieh’n;
  Seit er das Blut seines Volkes vergossen,
  Sprengt an zerschmetterndem Abgrund er hin.

  Das ist die Schuld der erschütternden Zeiten,
10 Welche das Fieber des Werdens durchglüht,
  Die mit dem eigenen Volk ihn entzweiten,
  Die ihn entzweit mit dem eig’nen Gemüth.

  Seinem Gefolge von Dienern und Spähern
  Eilt der unmuthige König zuvor;
15 Neblicht die Thürme von Newport sich nähern
  Sieht er, und reitet gemach durch das Thor.

  Durch die geschäftigen, summenden Straßen
  Zieht er die reinlichen Häuser entlang;
  Aber sein Werkzeug hat Keiner verlassen,
20 Keiner geschmückt sich zu Gruß und Empfang.

  Trotzig, wie grollende Republikaner,
  Haben die Bürger an ihn kein Gesuch,
  Dort in der Werkstatt klopft ein Puritaner, –
  Dieser verwünscht ihn mit biblischem Fluch.

25 Ist sie vergessen die heimische Sitte,
  Daß ihm das Mädchen, am schönsten erblüht,
  Reiche die Rose mit festlichem Schritte,
  Wenn an dem Markte vorüber er zieht?

  Keine der stattlichen brittischen Frauen
30 Tritt ihm entgegen, den Strauß in der Hand,
  Selbst aus dem Erker mag keine mehr schauen,
  Seit er mit Krieg überzogen sein Land.

  Auch nicht ein einziges Zeichen der Liebe,
  Sonnig kein Lächeln, kein Wimpel das wallt!
35 Alles ist düster und Alles ist trübe,
  Himmel und Menschen verschlossen und kalt.

  Ruhig durchschreitet der König die Stille;
  Aber im Innern zerreißt ihn der Schmerz,
  Und seines Volkes entfremdeter Wille
40 Preßt, eine eiserne Faust, ihm das Herz.

  Wie er die letzte der Straßen durchritten,
  Tritt aus dem letzten verödeten Haus,
  Dunkel gekleidet, mit ängstlichen Schritten
  Eilig ein schüchternes Mädchen heraus.

45 Schmächtig und bleich, nicht die Schönste von Allen,
  Und mit wie traurigen Augen sie blickt!
  Ist für den König der Vater gefallen?
  Hat sie die weinende Mutter geschickt?

  Unter dem Tüchlein hervor weht das lose
50 Haar in dem Wind, doch es kümmert sie nicht,
  Und dem sich neigenden König die Rose
  Reicht sie, verbeugt sich und flüstert und spricht:

  »Nimm es, das unter dem Schnee sich geröthet,
  »Nimm es, das Röschen, zum Reisegeleit,
55 »Das sich im Garten versteckt und verspätet,
  »Daß es uns tröste zur traurigen Zeit ...

  »Herr, nach den alten, den guten Gebräuchen
  »Reich’ ich die Rose von Newport dir dar;
  »Möge, der Zahl ihrer Blätter zu gleichen,
60 »Wonniglich reihen sich Jahr dir an Jahr!«

  Karl nimmt das Röschen und dankt der Getreuen,
  Welche den Spruch nicht, den alten, vergaß;
  Aber im Herzen kann er sich nicht freuen,
  Und sein beschattetes Auge wird naß.

65 Sachte den Renner von hinnen nun lenkend,
  Und an sein eig’nes verlassenes Kind
  Und an sein Weib, das geflüchtete, denkend,
  Birgt er im Busen die Rose geschwind:

  »Rose, was soll dein Geleit mir bedeuten,
70 »Und dein so schimmernd entfaltetes Roth?
  »Darf ich noch glauben an glückliche Zeiten,
  »Oder weissagst du mir blutigen Tod?«

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