Conrad Ferdinand Meyer Einer Todten – 1. Fassung (1873)

  Wie fühl’ ich heute deine Macht,
  Als ob auf ampelhellem Blatte
  Sich vor mir deine lange Wimper schatte
  Um Mitternacht!
5 Dein Auge sieht
  Begierig mein entstehend Lied.

  Du neigst mir deine Stirne zu
  Und deine Geisterlippen schweigen,
  Und liesest du ein Wort, das zart und eigen,
10 So bist es du,
  Dein Herzensblut,
  Indeß dein Staub im Grabe ruht.

  Mir ist, wenn mich dein Athem streift,
  Der ich erstarkt an Kampf und Wunden,
15 Als sei’st in deinen stillen Grabesstunden
  Auch du gereift
  An Liebeskraft,
  An Willen und an Leidenschaft.

  Die Marmorurne setzten dir
20 Die deinen, um dich zu vergessen,
  Sie erbten und sie freiten unterdessen –
  Du lebst in mir
  Wozu beweint?
  Du lebst und fühlst mit mir vereint!

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