Conrad Ferdinand Meyer Friede auf Erden! (1886)

  Da die Hirten ihre Herde
  Ließen und des Engels Worte
  Trugen durch die niedre Pforte
  Zu der Mutter und dem Kind,
5 Fuhr das himmlische Gesind
  Fort im Sternenraum zu singen,
  Fuhr der Himmel fort zu klingen:
  »Friede, Friede! auf der Erde!«

  Seit die Engel so geraten,
10 O wie viele blut'ge Taten
  Hat der Streit auf wildem Pferde,
  Der geharnischte, vollbracht!
  In wie mancher heilgen Nacht
  Sang der Chor der Geister zagend,
15 Dringlich flehend, leis verklagend:
  »Friede, Friede ... auf der Erde!«

  Doch es ist ein ewger Glaube,
  Daß der Schwache nicht zum Raube
  Jeder frechen Mordgebärde
20 Werde fallen allezeit:
  Etwas wie Gerechtigkeit
  Webt und wirkt in Mord und Grauen,
  Und ein Reich will sich erbauen,
  Das den Frieden sucht der Erde.

25 Mählich wird es sich gestalten,
  Seines heilgen Amtes walten,
  Waffen schmieden ohne Fährde,
  Flammenschwerter für das Recht,
  Und ein königlich Geschlecht
30 Wird erblühn mit starken Söhnen,
  Dessen helle Tuben dröhnen:
  Friede, Friede auf der Erde!

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