Eduard Mörike An eine Äolsharfe (1830)

  Angelehnt an die Efeuwand
  Dieser alten Terrasse,
  Du, einer luftgebor'nen Muse
  Geheimnisvolles Saitenspiel,
5 Fang' an,
  Fange wieder an
  Deine melodische Klage!
  Ihr kommet, Winde, fern herüber,
  Ach! von des Knaben,
10 Der mir so lieb war,
  Frischgrünendem Hügel.
  Und Frühlingsblüten unterwegs streifend,
  Übersättigt mit Wohlgerüchen,
  Wie süß, wie süß bedrängt ihr dies Herz!
15 Und säuselt her in die Saiten,
  Angezogen von wohllautender Wehmut,
  Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
  Und hinsterbend wieder.
  Aber auf einmal,
20 Wieder Wind heftiger herstößt,
  Ein holder Schrei der Harfe
  Wiederholt mir zu süßem Erschrecken
  Meiner Seele plötzliche Regung,
  Und hier, die volle Rose streut geschüttelt
25 All' ihre Blätter vor meine Füße!

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