Eduard Mörike Der alte Turmhahn (1852)

  Idylle

  Zu Cleversulzbach im Unterland
  Hundertunddreizehn Jahr ich stand,
  Auf dem Kirchenturn ein guter Hahn,
5 Als ein Zierat und Wetterfahn'.
  In Sturm und Wind und Regennacht
  Hab' ich allzeit das Dorf bewacht.
  Manch falber Blitz hat mich gestreift,
  Der Frost mein' roten Kamm bereift,
10 Auch manchen lieben Sommertag,
  Da man gern Schatten haben mag,
  Hat mir die Sonne unverwandt
  Auf meinen goldigen Leib gebrannt.
  So ward ich schwarz für Alter ganz,
15 Und weg ist aller Glitz und Glanz.
  Da haben sie mich denn zuletzt
  Veracht't und schmählich abgesetzt.
  Meinthalb! so ist der Welt ihr Lauf,
  Jetzt tun sie einen andern 'nauf.
20 Stolzier', prachtier' und dreh' dich nur!
  Dir macht der Wind noch andre Cour.

  Ade, o Tal, du Berg und Tal!
  Rebhügel, Wälder allzumal!
  Herzlieber Turn und Kirchendach,
25 Kirchhof und Steglein übern Bach!
  Du Brunnen, dahin spat und früh
  Oechslein springen, Schaf' und Küh'!
  Hans hinterdrein kommt mit dem Stecken,
  Und Bastes Evlein auf dem Schecken!
30 – Ihr Störch' und Schwalben, grobe Spatzen,
  Euch soll ich nimmer hören schwatze!
  Lieb deucht mir jedes Drecklein itzt,
  Damit ihr ehrlich mich beschmitzt.
  Ade, Hochwürden, Ihr, Herr Pfarr,
35 Schulmeister auch, du armer Narr!
  Aus ist, was mich gefreut so lang,
  Geläut' und Orgel, Sang und Klang.

  Von meiner Höh' so sang ich dort,
  Und hätt' noch lang gesungen fort,
40 Da kam so ein krummer Teufelshöcker,
  Ich schätz', es war der Schieferdecker,
  Packt mich, kriegt nach manch hartem Stoß
  Mich richtig von der Stange los.
  Mein alt preßhafter Leib schier brach,
45 Da er mit mir fuhr ab dem Dach
  Und bei den Glocken schnurrt' hinein;
  Die glotzten sehr verwundert drein,
  Regt' ihnen doch weiter nicht den Mut,
  Dachten eben, wir hangen gut.

50 Jetzt tät man mich mit altem Eisen
  Dem Meister Hufschmied überweisen;
  Der zahlt zween Batzen und meint wunder,
  Wieviel es wär' für solchen Plunder.
  Und also ich selben Mittag
55 Betrübt vor seiner Hütte lag.
  Ein Bäumlein – es war Maienzeit –
  Schneeweiße Blüten auf mich streut,
  Hühner gackeln um mich her,
  Unachtend, was das für ein Vetter wär'.
60 Da geht mein Pfarrherr nun vorbei,
  Grüßt den Meister und lächelt: Ei,
  Wär's so weit mit uns, armer Hahn?
  Andres, was fangt Ihr mit ihm an?
  Ihr könnt ihn weder sieden noch braten,
65 Mir aber müßt' es schlimm geraten,
  Einen alten Kirchendiener gut
  Nicht zu nehmen in Schutz und Hut.
  Kommt! tragt ihn mir gleich vor ins Haus,
  Trinket ein kühl Glas Wein mit aus!

70 Der rußig' Lümmel, schnell bedacht,
  Nimmt mich vom Boden auf und lacht.
  Es fehlt' nicht viel, so tat ich frei
  Gen Himmel einen Freudenschrei.
  Im Pfarrhaus, ob dem fremden Gast
75 War groß und klein erschrocken fast;
  Bald aber in jedem Angesicht
  Ging auf ein rechtes Freudenlicht.
  Frau, Magd und Knecht, Mägdlein und Buben,
  Den großen Göckel in der Stuben
80 Mit siebenfacher Stimmen Schall
  Begrüßen, begucken, betasten all'.
  Der Gottesmann drauf mildiglich
  Mit eignen Händen trägt er mich
  Nach seinem Zimmer, Stiegen auf,
85 Nachpolteret der ganze Hauf'.

  Hier wohnt der Frieden auf der Schwell'!
  In den geweißten Wänden hell
  Sogleich empfing mich sondre Luft,
  Bücher- und Gelahrtenduft,
90 Gerani- und Resedaschmack,
  Auch ein Rüchlein Rauchtabak.
  (Dies war mir all' noch unbekannt.)
  Ein alter Ofen aber stand
  In der Ecke linkerhand.
95 Recht als ein Turn tät er sich strecken
  Mit seinem Gipfel bis zur Decken,
  Mit Säulwerk, Blumwerk, kraus und spitz –
  O anmutsvoller Ruhesitz!
  Zuöberst auf dem kleinen Kranz
100 Der Schmied mich auf ein Stänglein pflanzt'.

  Betrachtet mir das Werk genau!
  Mir deucht's ein ganzer Münsterbau;
  Mit Schildereien wohl geziert,
  Mit Reimen christlich ausstaffiert.
105 Davon vernahm ich manches Wort,
  Dieweil der Ofen ein guter Hort
  Für Kind und Kegel und alte Leut',
  Zu plaudern, wann es wind't und schneit.

  Hier seht ihr seitwärts auf der Platten
110 Eines Bischofs Krieg mit Mäus' und Ratten,
  Mitten im Rheinstrom sein Kastell.
  Das Ziefer kommt geschwommen schnell,
  Die Knecht' nichts richten mit Waffen und Wehr,
  Der Schwänze werden immer mehr.
115 Viel Tausend gleich in dicken Haufen
  Frech an der Mauer auf sie laufen,
  Fallen dem Pfaffen in sein Gemach;
  Sterben muß er mit Weh und Ach,
  Von den Tieren aufgefressen,
120 Denn er mit Meineid sich vermessen.
  – Sodann König Belsazers seinen Schmaus,
  Weiber und Spielleut', Saus und Braus;
  Zu großem Schrecken an der Wand
  Rätsel schreibt eines Geistes Hand.
125 – Zuletzt da vorne stellt sich für
  Sara lauschend an der Tür,
  Als der Herr mit Abraham
  Vor seiner Hütte zu reden kam,
  Und ihme einen Sohn versprach.
130 Sara sich Lachens nicht entbrach,
  Weil sie beide schon sehr hoch betaget.
  Der Herr vernimmt es wohl und fraget:
  Wie, lachet Sara? glaubt sie nicht,
  Was der Herr will, leicht geschieht?
135 Das Weib hinwieder Flausen machet,
  Spricht: Ich habe nicht gelachet.
  Das war nun wohl gelogen fast,
  Der Herr es doch passieren laßt,
  Weil sie nicht leugt aus arger List,
140 Auch eine Patriarchin ist.

  Seit daß ich hier bin, dünket mir
  Die Winterszeit die schönste schier.
  Wie sanft ist aller Tage Fluß
  Bis zum geliebten Wochenschluß!
145 – Freitag zu Nacht, noch um die Neune,
  Bei seiner Lampen Trost alleine,
  Mein Herr fangt an sein Predigtlein
  Studieren; anderst mag's nicht sein;
  Eine Weil' am Ofen brütend steht,
150 Unruhig hin und dannen geht:
  Sein Text ihm schon die Adern reget;
  Drauf er sein Werk zu Faden schläget.
  Inmittelst einmal auch etwan
  Hat er ein Fenster aufgetan –
155 Ah, Sternenlüfteschwall wie rein
  Mit Haufen dringet zu mir ein!
  Den Verrenberg ich schimmern seh',
  Den Schäferbühel dick mit Schnee!

  Zu schreiben endlich er sich setzet,
160 Ein Blättlein nimmt, die Feder netzet,
  Zeichnet sein Alpha und sein O
  Ueber dem Exordio.
  Und ich von meinem Postament
  Kein Aug' ab meinem Herrlein wend';
165 Seh', wie er, mit Blicken steif ins Licht,
  Sinnt, prüfet jedes Worts Gewicht,
  Einmal sacht eine Prise greifet,
  Vom Docht den roten Butzen streifet;
  Auch dann und wann zieht er vor sich
170 Ein Sprüchlein an vernehmentlich,
  So ich mit vorgerecktem Kopf
  Begierlich bringe gleich zu Kropf.
  Gemachsam kämen wir also
  Bis Anfang Applicatio.

175 Indes der Wächter Elfe schreit.
  Mein Herr denkt: es ist Schlafenszeit;
  Ruckt seinen Stuhl und nimmt das Licht;
  Gut' Nacht, Herr Pfarr! – Er hört es nicht.

  Im Finstern wär' ich denn allein.
180 Das ist mir eben keine Pein.
  Ich hör' in der Registratur
  Erst eine Weil' die Totenuhr,
  Lache den Marder heimlich aus,
  Der scharrt sich müd am Hühnerhaus;
185 Windweben um das Dächlein stieben;
  Ich höre, wie im Wald da drüben –
  Man heißet es im Vogeltrost –
  Der grimmig' Winter sich erbost,
  Ein Eichlein spalt't jähling mit Knallen,
190 Eine Buche, daß die Täler schallen.
  – Du meine Güt', da lobt an sich
  So frommen Ofen dankbarlich!
  Er wärmelt halt die Nacht so hin,
  Es ist ein wahrer Segen drin.
195 – Jetzt, denk ich, sind wohl hie und dort
  Spitzbuben aus auf Raub und Mord,
  Denk', was eine schöne Sach' es ist,
  Brave Schloß und Riegel zu jeder Frist!
  Was ich wollt machen herentgegen,
200 Wenn ich eine Leiter hört' anlegen;
  Und sonst was so Gedanken sind;
  Ein warmes Schweißlein mir entrinnt.
  Um Zwei, Gottlob, und um die Drei
  Glänzet empor ein Hahnenschrei,
205 Um Fünfe mit der Morgenglocken,
  Mein Herz sich hebet unerschrocken,
  Ja voller Freuden auf es springt,
  Als der Wächter endlich singt:
  Wohlauf, im Namen Jesu Christ!
210 Der helle Tag erschienen ist!

  Ein Stündlein drauf, wenn mir die Sporen
  Bereits ein wenig steif gefroren,
  Rasselt die Lis' im Ofen, brummt,
  Bis 's Feuer angeht, saust und summt.
215 Dann von der Küch 'rauf, gar nicht übel,
  Die Supp' ich wittre, Schmalz und Zwiebel.
  Endlich, gewaschen und geklärt,
  Mein Herr sich frisch zur Arbeit kehrt.

  Am Samstag muß ein Pfarrer fein
220 Daheim in seiner Klause sein,
  Nicht visiteln, herumkutschieren,
  Seine Faß einbrennen, sonst hantieren.
  Meiner hat selten solch Gelust.
  Einmal – Ihr sagt's nicht weiter just –
225 Zimmert' er den ganzen Nachmittag
  Dem Fritz an einem Meisenschlag,
  Dort an dem Tisch, und schwatzt' und schmaucht',
  Mich alten Tropf kurzweilt' es auch.

  Jetzt ist der liebe Sonntag da.
230 Es läut't zur Kirchen fern und nah.
  Man orgelt schon: mir wird dabei,
  Als säß' ich in der Sakristei.
  Es ist kein Mensch im ganzen Haus;
  Ein Mücklein hör' ich, eine Maus.
235 Die Sonne sich ins Fenster schleicht,
  Zwischen die Kaktusstöck' hinstreicht
  Zum kleinen Pult von Nußbaumholz,
  Eines alten Schreinermeisters Stolz;
  Beschaut sich was da liegt umher,
240 Konkordanz und Kinderlehr',
  Oblatenschachtel, Amtssigill,
  Im Tintenfaß sich spiegeln will,
  Zuteuerst Sand und Grus besicht,
  Sich an dem Federmesser sticht
245 Und gleitet übern Armstuhl frank
  Hinüber an den Bücherschrank.
  Da stehn in Pergament und Leder
  Vornan die frommen Schwabenväter:
  Andreä, Bengel, Rieger zween,
250 Samt Oetinger sind da zu sehn.
  Wie sie die goldnen Namen liest,
  Noch goldener ihr Mund sie küßt,
  Wie sie rührt an Hillers Harfenspiel –
  Horch! klingt es nicht? so fehlt nicht viel.
255 Inmittelst läuft ein Spinnlein zart
  An mir hinauf nach seiner Art,
  Und hängt sein Netz, ohn' erst zu fragen,
  Mir zwischen Schnabel auf und Kragen.
  Ich rühr' mich nicht aus meiner Ruh',
260 Schau' ihm eine ganze Weile zu,
  Darüber ist es wohl geglückt,
  Daß ich ein wenig eingenickt. –
  Nun sagt, ob es in Dorf und Stadt
  Ein alter Kirchhahn besser hat?

265 Ein Wunsch im stillen dann und wann
  Kommt einen freilich wohl noch an.
  Im Sommer stünd' ich gern da draus
  Bisweilen auf dem Taubenhaus,
  Wo dicht dabei der Garten blüht,
270 Man auch ein Stück vom Flecken sieht.
  Dann in der schönen Winterzeit,
  Als zum Exempel eben heut:
  Ich sag' es grad' – da haben wir
  Gar einen wackern Schlitten hier,
275 Grün, gelb und schwarz; – er ward verwichen
  Erst wieder sauber angestrichen:
  Vorn auf dem Bogen brüstet sich
  Ein fremder Vogel hoffärtig –
  Wenn man mich etwas putzen wollt'
280 Nicht, daß es drum viel kosten sollt',
  Ich stünd' so gut dort als wie der
  Und machet niemand nicht Unehr'!
  – Narr! denk' ich wieder, du hast dein Teil!
  Willt du noch jetzo werden geil?
285 Mich wundert, ob dir nicht gefiel',
  Daß man, der Welt zum Spott und Ziel,
  Deinen warmen Ofen gar zuletzt
  Mitsamt dir auf die Läufe setzt',
  Daß auf dem G'sims da um dich säß'
290 Mann, Weib und Kind, der ganze Käs!
  Du alter Scherb, schämst du dich nicht,
  Auf Eitelkeit zu sein erpicht?
  Geh in dich, nimm dein Ende wahr!
  Wirst nicht noch einmal hundert Jahr.

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