Eduard Mörike Wechsellied beim Weine (1831)
Trink ich ihn, den Saft der Reben,
gleich erwarmet meine Seele
und beginnt in hellen Tönen
einen Preisgesang der Musen.
5 Trink ich ihn, den Saft der Reben,
alsbald streu ich meinen Kummer,
all mein Zweifeln, all mein Sorgen
in den Braus der Meereswinde.
Trink ich ihn, den Saft der Reben,
10 läßt mich Bakchos, der des Schmerzes
Bande löset, Blumen atmend
süßberauscht im Tanze schwanken.
Trink ich ihn, den Saft der Reben,
wind ich Blumen mir zu Kränzen,
15 schmücke meine Stirne, singe
von des Lebens stillem Glücke.
Trink ich ihn, den Saft der Reben,
mag ich, schön von Salben duftend
und im Arm das Mädchen haltend
20 gerne von Kythere singen.
Trink ich ihn, den Saft der Reben,
wie entzückt ein Kreis von Mädchen
mich, wo volle, tiefe Becher
erst mir Geist und Sinn erweitern.
25 Trink ich ihn, den Saft der Reben,
mir von Tausenden gewinn ich,
was ich scheidend mit mir nehme;
doch den Tod teil ich mit allen.
Bibliographische Daten
Eduard Mörike (1804-1875)
Wechsellied beim Weine
Trink ich ihn, den Saft der Reben, …
1831
Hochromantik
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