Emanuel Geibel Fern im Süd das schöne Spanien (1848)

  Fern im Süd das schöne Spanien,
  Spanien ist mein Heimatland,
  Wo die schattigen Kastanien
  Rauschen an des Ebro Strand,
5 Wo die Mandeln rötlich blühen,
  Wo die süße Traube winkt
  Und die Rosen schöner glühen
  Und das Mondlich gold'ner blinkt.

  Lang schon wandr' ich mit der Laute
10 Traurig hier von Haus zu Haus,
  Doch kein helles Auge schaute
  Freundlich noch nach mir heraus.
  Spärlich reicht man mir die Gaben,
  Mürrisch heißet man mich gehn;
15 Ach den armen braunen Knaben
  Will kein einziger verstehn.

  Dieser Nebel drückt mich nieder,
  Der die Sonne mir entfernt,
  Und die alten lust'gen Lieder
20 Hab ich alle schon verlernt.
  Ach, in alle Melodien
  Schleicht der eine Klang sich ein:
  In die Heimat möcht ich ziehen,
  In das Land voll Sonnenschein!

25 Als beim letzten Erntefeste
  Man den großen Reigen hielt,
  Hab ich jüngst das allerbeste
  Meiner Lieder aufgespielt.
  Doch, wie sich die Paare schwangen
30 In der Abendsonne Gold,
  Sind auf meine dunkeln Wangen
  Heiße Tränen hingerollt.

  Ach, ich dachte bei dem Tanze
  An des Vaterlandes Lust,
35 Wo im duft'gen Mondenglanze
  Freier atmet jede Brust,
  Wo sich bei der Zither Tönen
  Jeder Fuß beflügelt schwingt
  Und der Knabe mit der Schönen
40 Glühend den Fandango schlingt.

  Nein! des Herzens sehnend Schlage
  Länger halt ich's nicht zurück;
  Will ja jeder Lust entsagen,
  Laßt mir nur der Heimat Glück!
45 Fort zum Süden, fort nach Spanien!
  In das Land voll Sonnenschein!
  Unterm Schatten der Kastanien
  Muß ich einst begraben sein!

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