Emanuel Geibel Mittagszauber (1884)

     Im Garten wandelt hohe Mittagszeit,
  Der Rasen glänzt, die Wipfel schatten breit;
  Von oben sieht, getaucht in Sonnenschein
  Und leuchtend Blau, der alte Dom herein.

5    Am Birnbaum sitzt mein Töchterchen im Gras;
  Die Märchen liest sie, die als Kind ich las;
  Ihr Antlitz glüht, es ziehn durch ihren Sinn
  Schneewittchen, Däumling, Schlangenkönigin.

     Kein Laut von außen stört; ’s ist Feiertag —
10 Nur dann und wann vom Turm ein Glockenschlag!
  Nur dann und wann der mattgedämpfte Schall
  Im hohen Gras von eines Apfels Fall!

     Da kommt auf mich ein Dämmern wunderbar;
  Gleichwie im Traum verschmilzt, was ist und war:
15 Die Seele löst sich und verliert sich weit
  Ins Märchenreich der eignen Kinderzeit.

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