Ernst Stadler Anrede (1911)

  Ich bin nur Flamme, Durst und Schrei und Brand.
  Durch meiner Seele enge Mulden schießt die Zeit
  Wie dunkles Wasser, heftig, rasch und unerkannt.
  Auf meinem Leibe brennt das Mal: Vergänglichkeit.

5 Du aber bist der Spiegel, über dessen Rund
  Die großen Bäche alles Lebens geh'n,
  Und hinter dessen quellend gold'nem Grund
  Die toten Dinge schimmernd aufersteh'n.

  Mein Bestes glüht und lischt – ein irrer Stern,
10 Der in den Abgrund blauer Sommernächte fällt –
  Doch deiner Tage Bild ist hoch und fern,
  Ewiges Zeichen, schützend um dein Schicksal hergestellt.

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