Friedrich Hebbel An die Jünglinge (1839)

  Trinkt des Weines dunkle Kraft,
  Die euch durch die Seele fließt
  Und zu heilger Rechenschaft
  Sie im Innersten erschließt!
5 Blickt hinab nun in den Grund,
  Dem das Leben still entsteigt,
  Forscht mit Ernst, ob es gesund
  Jedem Höchsten sich verzweigt!

  Geht an einen schaurgen Ort,
10 Denkt an aller Ehren Strauß,
  Sprecht dann laut das Schöpfungswort,
  Sprecht das Wort: es werde! aus!
  Ja, es werde! spricht auch Gott,
  Und sein Segen senkt sich still,
15 Denn, den macht er nicht zum Spott,
  Der sich selbst vollenden will.

  Betet dann, doch betet nur
  Zu euch selbst, und ihr beschwört
  Aus der eigenen Natur
20 Einen Geist, der euch erhört.
  Leben heißt, tief einsam sein:
  In die spröde Knospe drängt
  Sich kein Tropfen Taus hinein,
  Eh sie innre Glut zersprengt.

25 Gott dem Herrn ists ein Triumph,
  Wenn ihr nicht vor ihm vergeht,
  Wenn ihr, statt im Staube dumpf
  Hinzuknieen, herrlich steht,
  Wenn ihr stolz, dem Baume gleich
30 Euch nicht unter Blüten bückt,
  Wenn die Last des Segens euch
  Erst hinab zur Erde drückt.

  Fort den Wein! Wer noch nicht flammt,
  Ist nicht seines Kusses wert,
35 Und wer selbst vom Feuer stammt,
  Steht schon lange glutverklärt.
  Euch geziemt nur eine Lust,
  Nur ein Gang durch Sturm und Nacht,
  Der aus eurer dunklen Brust
40 Einen Sternenhimmel macht!

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