Friedrich Hölderlin Hymne an die Liebe (1792)

  Froh der süßen Augenweide
  Wallen wir auf grüner Flur;
  Unser Priestertum ist Freude,
  Unser Tempel die Natur; –
5 Heute soll kein Auge trübe,
  Sorge nicht hienieden sein!
  Jedes Wesen soll der Liebe,
  Frei und froh, wie wir, sich freu’n!

  Höhnt im Stolze, Schwestern, Brüder!
10 Höhnt der scheuen Knechte Tand!
  Jubelt kühn das Lied der Lieder,
  Festgeschlungen Hand in Hand!
  Steigt hinauf am Rebenhügel,
  Blickt hinab ins weite Tal!
15 Überall der Liebe Flügel,
  Hold und herrlich überall!

  Liebe bringt zu jungen Rosen
  Morgentau von hoher Luft,
  Lehrt die warmen Lüfte kosen
20 In der Maienblume Duft;
  Um die Orione leitet
  Sie die treuen Erden her,
  Folgsam ihrem Winke, gleitet
  Jeder Strom in’s weite Meer;

25 An die wilden Berge reihet
  Sie die sanften Täler an,
  Die entbrannte Sonn’ erfreuet
  Sie im stillen Ozean;
  Siehe! mit der Erde gattet
30 Sich des Himmels heil’ge Lust,
  Von den Wettern überschattet
  Bebt entzückt der Mutter Brust.

  Liebe wallt durch Ozeane,
  Höhnt der dürren Wüste Sand,
35 Blutet an der Siegesfahne
  Jauchzend für das Vaterland;
  Liebe trümmert Felsen nieder,
  Zaubert Paradiese hin –
  Lächelnd kehrt die Unschuld wieder,
40 Göttlichere Lenze blüh’n.

  Mächtig durch die Liebe, winden
  Von der Fessel wir uns los,
  Und die trunknen Geister schwinden
  Zu den Sternen, frei und groß!
45 Unter Schwur und Kuß vergessen
  Wir die träge Flut der Zeit,
  Und die Seele naht vermessen
  Deiner Lust, Unendlichkeit!

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