Friedrich Rückert

Anbetung (1822)

  Die Liebste steht mir vor den Gedanken,
  wie schön, o wie schön!
  Daß mir betäubt die Sinne wanken,
  wie schön, wie schön!
5 Sie hat mit Mienen mich angelächelt,
  wie hold, o wie hold,
  daß durch das Herz mir die Strahlen schwanken,
  wie schön, wie schön!

  Die hellen Fluren der Rosenwange,
10 sie winken zur Lust,
  und dunkel flattern die Lockenranken,
  wie schön, o wie schön!
  Des Auges Narzissen wie lieblich,
  wenn sie erwachen im Tau,
15 und wann sie trunken in Schlummer sanken,
  wie schön, wie schön, o wie schön!

  Die Palm' aus Eden, die ich in Träumen
  wie lange gesucht,
  hab' ich gefunden im Wuchs, dem schlanken,
20 o wie schön!
  Der Quell des Lebens, dem ich gedürstet,
  er hat mich gelabt,
  als meine Lippen aus deinen tranken,
  wie schön, wie schön!

25 Des Geistes Hoffen, der Seele Wähnen,
  dein Traum, Phantasie,
  ist nun getreten in Körperschranken,
  wie schön, wie schön!
  Des Frühlings Blumen, des Himmels Sterne,
30 du bringst sie im Kranz
  mir dar vereinigt. Wie soll ich danken?
  Wie schön, wie schön, o wie schön!