Friedrich Schiller Das Ideal und das Leben (1795)

  Ewigklar und spiegelrein und eben
  Fließt das zephyrleichte Leben
  Im Olymp den Seligen dahin.
  Monde wechseln und Geschlechter fliehen,
5 Ihrer Götterjugend Rosen blühen
  Wandellos im ewigen Ruin.
  Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden
  Bleibt dem Menschen nur die bange Wahl.
  Auf der Stirn des hohen Uraniden
10 Leuchtet ihr vermählter Strahl.

  Wollt ihr schon auf Erden Göttern gleichen,
  Frei sein in des Todes Reichen,
  Brechet nicht von seines Gartens Frucht.
  An dem Scheine mag der Blick sich weiden,
15 Des Genusses wandelbare Freuden
  Rächet schleunig der Begierde Flucht.
  Selbst der Styx, der neunfach sie umwindet,
  Wehrt die Rückkehr Ceres Tochter nicht,
  Nach dem Apfel greift sie und es bindet
20 Ewig sie des Orkus Pflicht.

  Nur der Körper eignet jenen Mächten,
  Die das dunkle Schicksal flechten,
  Aber frei von jeder Zeitgewalt,
  Die Gespielin seliger Naturen
25 Wandelt oben in des Lichtes Fluren,
  Göttlich unter Göttern, die Gestalt.
  Wollt ihr hoch auf ihren Flügeln schweben,
  Werft die Angst des Irdischen von euch,
  Fliehet aus dem engen dumpfen Leben
30 In des Idealen Reich!

  Jugendlich, von allen Erdenmalen
  Frei, in der Vollendung Strahlen
  Schwebet hier der Menschheit Götterbild,
  Wie des Lebens schweigende Phantome
35 Glänzend wandeln an dem styg'schen Strome,
  Wie sie stand im himmlischen Gefild,
  Ehe noch zum traur'gen Sarkophage
  Die Unsterbliche herunter stieg.
  Wenn im Leben noch des Kampfes Waage
40 Schwankt, erscheinet hier der Sieg.

  Nicht vom Kampf die Glieder zu entstricken,
  Den Erschöpften zu erquicken,
  Wehet hier des Sieges duft'ger Kranz.
  Mächtig, selbst wenn eure Sehnen ruhten,
45 Reißt das Leben euch in seine Fluten,
  Euch die Zeit in ihren Wirbeltanz.
  Aber sinkt des Mutes kühner Flügel
  Bei der Schranken peinlichem Gefühl,
  Dann erblicket von der Schönheit Hügel
50 Freudig das erflog'ne Ziel.

  Wenn es gilt, zu herrschen und zu schirmen,
  Kämpfer gegen Kämpfer stürmen
  Auf des Glückes, auf des Ruhmes Bahn,
  Da mag Kühnheit sich an Kraft zerschlagen
55 Und mit krachendem Getös die Wagen
  Sich vermengen auf bestäubtem Plan.
  Mut allein kann hier den Dank erringen,
  Der am Ziel des Hippodromes winkt.
  Nur der Starke wird das Schicksal zwingen,
60 Wenn der Schwächling untersinkt.

  Aber der, von Klippen eingeschlossen,
  Wild und schäumend sich ergossen,
  Sanft und eben rinnt des Lebens Fluß
  Durch der Schönheit stille Schattenlande,
65 Und auf seiner Wellen Silberrande
  Malt Aurora sich und Hesperus.
  Aufgelöst in zarter Wechselliebe,
  In der Anmut freiem Bund vereint,
  Ruhen hier die ausgesöhnten Triebe,
70 Und verschwunden ist der Feind.

  Wenn das Tote bildend zu beseelen,
  Mit dem Stoff sich zu vermählen
  Tatenvoll der Genius entbrennt,
  Da, da spanne sich des Fleißes Nerve,
75 Und beharrlich ringend unterwerfe
  Der Gedanke sich das Element.
  Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet,
  Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born,
  Nur des Meißels schwerem Schlag erweichet
80 Sich des Marmors sprödes Korn.

  Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre,
  Und im Staube bleibt die Schwere
  Mit dem Stoff, den sie beherrscht, zurück.
  Nicht der Masse qualvoll abgerungen,
85 Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen,
  Steht das Bild vor dem entzückten Blick.
  Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen
  In des Sieges hoher Sicherheit,
  Ausgestoßen hat es jeden Zeugen
90 Menschlicher Bedürftigkeit.

  Wenn ihr in der Menschheit traur'ger Blöße
  Steht vor des Gesetzes Größe,
  Wenn dem Heiligen die Schuld sich naht,
  Da erblasse vor der Wahrheit Strahle
95 Eure Tugend, vor dem Ideale
  Fliehe mutlos die beschämte Tat.
  Kein Erschaff'ner hat dies Ziel erflogen,
  Über diesen grauenvollen Schlund
  Trägt kein Nachen, keiner Brücke Bogen,
100 Und kein Anker findet Grund.

  Aber flüchtet aus der Sinne Schranken
  In die Freiheit der Gedanken,
  Und die Furchterscheinung ist entflohn,
  Und der ew'ge Abgrund wird sich füllen;
105 Nehmt die Gottheit auf in euern Willen,
  Und sie steigt von ihrem Weltenthron.
  Des Gesetzes strenge Fessel bindet
  Nur den Sklavensinn, des es verschmäht,
  Mit des Menschen Widerstand verschwindet
110 Auch des Gottes Majestät.

  Wenn der Menschheit Leiden euch umfangen,
  Wenn dort Priams Sohn der Schlangen
  Sich erwehrt mit namenlosem Schmerz,
  Da empöre sich der Mensch! Es schlage
115 An des Himmels Wölbung seine Klage,
  Und zerreiße euer fühlend Herz!
  Der Natur furchtbare Stimme siege,
  Und der Freude Wange werde bleich,
  Und der heil'gen Sympathie erliege
120 Das Unsterbliche in euch!

  Aber in den heitern Regionen,
  Wo die reinen Formen wohnen,
  Rauscht des Jammers trüber Sturm nicht mehr.
  Hier darf Schmerz die Seele nicht durchschneiden,
125 Keine Träne fließt hier mehr dem Leiden,
  Nur des Geistes tapf'rer Gegenwehr.
  Lieblich, wie der Iris Farbenfeuer
  Auf der Donnerwolke duft'gem Tau,
  Schimmert durch der Wehmut düstern Schleier
130 Hier der Ruhe heitres Blau.

  Tief erniedrigt zu des Feigen Knechte
  Ging in ewigem Gefechte
  Einst Alcid des Lebens schwere Bahn,
  Rang mit Hydern und umarmt' den Leuen,
135 Stürzte sich, die Freunde zu befreien,
  Lebend in des Totenschiffers Kahn.
  Alle Plagen, alle Erdenlasten
  Wälzt der unversöhnten Göttin List
  Auf die will'gen Schultern des Verhaßten,
140 Bis sein Lauf geendigt ist –

  Bis der Gott, des Irdischen entkleidet,
  Flammend sich vom Menschen scheidet
  Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.
  Froh des neuen ungewohnten Schwebens
145 Fließt er aufwärts und des Erdenlebens
  Schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt.
  Des Olimpus Harmonien empfangen
  Den Verklärten in Chronions Saal,
  Und die Göttin mit den Rosenwangen
150 Reicht ihm lächelnd den Pokal.

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