Friedrich Schiller Das verschleierte Bild zu Sais (1795)

  Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
  Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
  Geheime Weisheit zu erlernen, hatte
  Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt,
5 Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter,
  Und kaum besänftigte der Hierophant
  Den ungeduldig strebenden. »Was hab' ich,
  Wenn ich nicht Alles habe,« sprach der Jüngling,
  Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr?
10 Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück
  Nur eine Summe, die man größer, kleiner
  Besitzen kann und immer doch besitzt?
  Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte?
  Nimm einen Ton aus einer Harmonie,
15 Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,
  Und alles was dir bleibt ist Nichts, so lang
  Das schöne All der Töne fehlt und Farben.«

  Indem sie einst so sprachen, standen sie
  In einer einsamen Rotonde still,
20 Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße
  Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert
  Blickt er den Führer an und spricht: Was ist's,
  Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?
  »Die Wahrheit«, ist die Antwort – Wie? ruft jener,
25 Nach Wahrheit streb' ich ja allein, und diese
  Gerade ist es, die man mir verhüllt?

  »Das mache mit der Gottheit aus, versetzt
  Der Hierophant. Kein Sterblicher, sagt sie,
  Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
30 Und wer mit ungeweihter schuld'ger Hand
  Den heiligen, verbot'nen früher hebt,
  Der, spricht die Gottheit« – Nun? »Der sieht die Wahrheit.«
  Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,
  Du hättest also niemals ihn gehoben?
35 »Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu
  Versucht.« – Das faß ich nicht. Wenn von der Wahrheit
  Nur diese dünne Scheidewand mich trennte –
  »Und ein Gesetz, fällt ihm sein Führer ein.
  Gewichtiger mein Sohn als du es meinst,
40 Ist dieser dünne Flor – Für deine Hand
  Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen.«

  Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause,
  Ihm raubt des Wissens brennende Begier
  Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager,
45 Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel
  Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt.
  Leicht ward es ihm die Mauer zu ersteigen,
  Und mitten in das Inn're der Rotonde
  Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.

50 Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt
  Den einsamen die lebenlose Stille,
  Die nur der Tritte hohler Widerhall
  In den geheimen Grüften unterbricht.
  Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft
55 Der Mond den bleichen silberblauen Schein,
  Und furchtbar wie ein gegenwärt'ger Gott
  Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse
  In ihrem langen Schleier die Gestalt.

  Er tritt hinan mit ungewissem Schritt,
60 Schon will die freche Hand das Heilige berühren,
  Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein
  Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme.
  Unglücklicher, was willst du tun? So ruft
  In seinem Innern eine treue Stimme.
65 Versuchen den Allheiligen willst du?
  Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,
  Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
  Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:
  Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen.
70 Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf.
  [Er rufts mit lauter Stimm] Ich will sie schauen.
   Schauen!
  Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.

  Er spricht's und hat den Schleier aufgedeckt.
75 »Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?«
  Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
  So fanden ihn am andern Tag die Priester
  Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
  Was er allda gesehen und erfahren,
80 Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
  War seines Lebens Heiterkeit dahin,
  Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
  »Weh dem« dies war sein warnungsvolles Wort,
  Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,
85 »Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
  Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.«

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