Friedrich Schiller Der Alpenjäger (1787)

  Willst du nicht das Lämmlein hüten?
  Lämmlein ist so fromm und sanft,
  Nährt sich von des Grases Blüten,
  Spielend an des Baches Ranft.
5 Mutter, Mutter, laß mich gehen,
  Jagen nach des Berges Höhen!"

  Willst du nicht die Herde locken
  Mit des Hornes munterm Klang?
  Lieblich tönt der Schall der Glocken
10 In des Waldes Lustgesang.
  Mutter, Mutter, laß mich gehen,
  Schweifen auf den wilden Höhen!"

  Willst du nicht die Blümlein warten,
  Die im Beete freundlich stehn?
15 Draußen ladet dich kein Garten,
  Wild ists auf den wilden Höhn!
  Laß die Blümlein, laß sie blühen!
  Mutter, Mutter, laß mich ziehen!"

  Und der Knabe ging zu jagen,
20 Und es treibt und reißt ihn fort,
  Rastlos fort mit blindem Wagen
  An des Berges finstern Ort,
  Vor ihm her mit Windesschnelle
  Flieht die zitternde Gazelle.

25 Auf der Felsen nackte Rippen
  Klettert sie mich leichtem Schwung,
  Durch den Riß gespaltener Klippen
  Trägt sie der gewagte Sprung,
  Aber hinter ihr verwogen
30 Folgt er mit dem Todesbogen.

  Jetzo auf den schroffen Zinken
  Hängt sie, auf dem höchsten Grat,
  Wo die Felsen jäh versinken
  Und verschwunden ist der Pfad.
35 Unter sich die steile Höhe,
  Hinter sich des Feindes Nähe.

  Mit der Jammers stummen Blicken
  Fleht sie zu dem harten Mann,
  Fleht umsonst, denn loszudrücken
40 Legt er schon den Bogen an.
  Plötzlich aus der Felsenspalte
  Tritt der Geist, der Bergesalte.

  Und mit seinen Götterhänden
  Schützt er das gequälte Tier.
45 Mußt du Tod und Jammer senden,
  Ruft er, "bis herauf zu mir?
  Raum für alle hat die Erde,
  Was verfolgst du meine Herde?"

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