Friedrich Schiller Der Jüngling am Bache (1790)

  An der Quelle saß der Knabe,
  Blumen wand er sich zum Kranz,
  Und er sah sie fortgerissen,
  Treiben in der Wellen Tanz.
5 »Und so fliehen meine Tage
  Wie die Quelle rastlos hin!
  Und so bleichet meine Jugend,
  Wie die Kränze schnell verblühn!

  Fraget nicht, warum ich traure
10 In des Lebens Blütenzeit!
  Alles freuet sich und hoffet,
  Wenn der Frühling sich erneut.
  Aber diese tausend Stimmen
  Der erwachenden Natur
15 Wecken in dem tiefen Busen
  Mir den schweren Kummer nur.

  Was soll mir die Freude frommen,
  Die der schöne Lenz mir beut?
  Eine nur ist's, die ich suche,
20 Sie ist nah und ewig weit.
  Sehnend breit' ich meine Arme
  Nach dem teuren Schattenbild,
  Ach, ich kann es nicht erreichen,
  Und das Herz ist ungestillt!

25 Komm herab, du schöne Holde,
  Und verlaß dein stolzes Schloß!
  Blumen, die der Lenz geboren,
  Streu ich dir in deinen Schoß.
  Horch, der Hain erschallt von Liedern,
30 Und die Quelle rieselt klar!
  Raum ist in der kleinsten Hütte
  Für ein glücklich liebend Paar.«

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