Friedrich von Hardenberg Novalis Einst da ich bittre Tränen vergoß (1800)

  Einst da ich bittre Tränen vergoß, da in Schmerz aufgelöst meine Hoffnung zerrann, und ich
  einsam stand am dürren Hügel, der in engen, dunklen Raum die Gestalt meines Lebens barg
  – einsam, wie noch kein Einsamer war, von unsäglicher Angst getrieben – kraftlos, nur ein
  Gedanken des Elends noch. – Wie ich da nach Hülfe umherschaute, vorwärts nicht konnte
5 und rückwärts nicht, und am fliehenden, verlöschten Leben mit unendlicher Sehnsucht hing:
  – da kam aus blauen Fernen – von den Höhen meiner alten Seligkeit ein Dämmerungsschauer
  – und mit einemmale riß das Band der Geburt – des Lichtes Fessel. Hin floh die irdische
  Herrlichkeit und meine Trauer mit ihr – zusammen floß die Sehnsucht in eine neue,
  unergründliche Welt – du Nachtbegeisterung, Schlummer des Himmels kamst über mich – die
10 Gegend hob sich sacht empor; über der Gegend schwebte mein entbundner, neugeborner
  Geist. Zur Staubwolke wurde der Hügel – durch die Wolke sah ich die verklärten Züge der
  Geliebten. In ihren Augen ruhte die Ewigkeit – ich faßte ihr Hände, und die Tränen wurden
  ein funkelndes, unzerreißliches Band. Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne, wie
  Ungewitter. An ihrem Halse weint ich dem neuen Leben entzückende Tränen. – Es war der
15 erste, einzige Traum – und erst seitdem fühl ich ewigen, unwandelbaren Glauben an den
  Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte.

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