Friedrich von Hardenberg Novalis Hymne (1798)

  Wenige wissen
  Das Geheimnis der Liebe,
  Fühlen Unersättlichkeit
  Und ewigen Durst.
5 Des Abendmahls
  Göttliche Bedeutung
  Ist den irdischen Sinnen Rätsel;
  Aber wer jemals
  Von heißen, geliebten Lippen
10 Atem des Lebens sog,
  Wem heilige Glut
  In zitternde Wellen das Herz schmolz,
  Wem das Auge aufging,
  Daß er des Himmels
15 Unergründliche Tiefe maß,
  Wird essen von seinem Leibe
  Und trinken von seinem Blute
  Ewiglich.
  Wer hat des irdischen Leibes
20 Hohen Sinn erraten?
  Wer kann sagen,
  Daß er das Blut versteht?
  Einst ist alles Leib,
  Ein Leib,
25 In himmlischem Blute
  Schwimmt das selige Paar. –
  O! daß das Weltmeer
  Schon errötete,
  Und in duftiges Fleisch
30 Aufquölle der Fels!
  Nie endet das süße Mahl,
  Nie sättigt die Liebe sich.
  Nicht innig, nicht eigen genug
  Kann sie haben den Geliebten.
35 Von immer zärteren Lippen
  Verwandelt wird das Genossene
  Inniglicher und näher.
  Heißere Wollust
  Durchbebt die Seele.
40 Durstiger und hungriger
  Wird das Herz:
  Und so währet der Liebe Genuß
  Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
  Hätten die Nüchternen
45 Einmal gekostet,
  Alles verließen sie,
  Und setzten sich zu uns
  An den Tisch der Sehnsucht,
  Der nie leer wird.
50 Sie erkennten der Liebe
  Unendliche Fülle,
  Und priesen die Nahrung
  Von Leib und Blut.

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