Georg Herwegh Ich möchte hingehn wie das Abendrot (1838)

  Ich möchte hingehn wie das Abendrot
  Und wie der Tag in seinen letzten Gluten –
  O leichter, sanfter, ungefühlter Tod! –
  Mich in den Schoß des Ewigen verbluten.

5 Ich möchte hingehn wie der heitre Stern,
  Im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken;
  So stille und so schmerzlos möchte gern
  Ich in des Himmels blaue Tiefen sinken.

  Ich möchte hingehn wie der Blume Duft,
10 Der freudig sich dem schönen Kelch entringet
  Und auf dem Fittich blütenschwangrer Luft
  Als Weihrauch auf des Herren Altar schwinget.

  Ich möchte hingehn wie der Tau im Tal,
  Wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken;
15 O wollte Gott, wie ihn der Sonnenstrahl,
  Auch meine lebensmüde Seele trinken!

  Ich möchte hingehn wie der bange Ton,
  Der aus den Saiten einer Harfe dringet,
  Und, kaum dem irdischen Metall entflohn,
20 Ein Wohllaut in des Schöpfers Brust erklinget.

  Du wirst nicht hingehn wie das Abendrot,
  Du wirst nicht stille wie der Stern versinken,
  Du stirbst nicht einer Blume leichten Tod,
  Kein Morgenstrahl wird deine Seele trinken.

25 Wohl wirst du hingehn, hingehn ohne Spur,
  Doch wird das Elend deine Kraft erst schwächen,
  Sanft stirbt es einzig sich in der Natur,
  Das arme Menschenherz muß stückweis brechen.

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