Georg Heym Der Tod der Liebenden (1910)

  Durch hohe Tore wird das Meer gezogen
  Und goldne Wolkensäulen, wo noch säumt
  Der späte Tag am hellen Himmelsbogen
  Und fern hinab des Meeres Weite träumt.

5 »Vergiß der Traurigkeit, die sich verlor
  Ins ferne Spiel der Wasser, und der Zeit
  Versunkner Tage. Singt der Wind ins Ohr
  Dir seine Schwermut, höre nicht sein Leid.

  Laß ab von Weinen. Bei den Toten unten
10 Im Schattenlande werden bald wir wohnen
  Und ewig schlafen in den Tiefen drunten,
  In den verborgenen Städten der Dämonen.

  Dort wird uns Einsamkeit die Lider schließen.
  Wir hören nichts in unserer Hallen Räumen,
15 Die Fische nur, die durch die Fenster schießen,
  Und leisen Wind in den Korallenbäumen.

  Wir werden immer beieinander bleiben
  Im schattenhaften Walde auf dem Grunde.
  Die gleiche Woge wird uns dunkel treiben,
20 Und gleiche Träume trinkt der Kuß vom Munde.

  Der Tod ist sanft. Und die uns niemand gab,
  Er gibt uns Heimat. Und er trägt uns weich
  In seinem Mantel in das dunkle Grab,
  Wo viele schlafen schon im stillen Reich.«

25 Des Meeres Seele singt am leeren Kahn.
  Er treibt davon, ein Spiel den tauben Winden
  In Meeres Einsamkeit. Der Ozean
  Türmt fern sich auf zu schwarzer Nacht, der Blinden.

  In hohen Wogen schweift ein Kormoran
30 Mit grünen Fittichs dunkler Träumerei.
  Darunter ziehn die Toten ihre Bahn.
  Wie blasse Blumen treiben sie vorbei.

  Sie sinken tief. Das Meer schließt seinen Mund
  Und schillert weiß. Der Horizont nur bebt
35 Wie eines Adlers Flug, der von dem Sund
  Ins Abendmeer die blaue Schwinge hebt.

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