Gerhard Tersteegen Verlangen der Seele, dem geheimen Zug… (1745)

  Mel.: Mein Herzens-Jesu, meine Lust ... oder: Gott Lob, ein Schritt
  zur Ewigkeit ... oder: Es ist das Heil ...

  1.
  Verborg'ne Gottesliebe du,
5 O Friedensreich, so schöne,
  Ich seh von ferne deine Ruh
  Und innig dahin sehne.
  Ich bin nicht stille, wie ich soll,
  Ich fühl, es ist dem Geist nicht wohl,
10 Weil er in dir nicht stehet.

  2.
  Es lockt mich zwar dein sanfter Zug
  Verborgentlich zur Stille,
  Doch kann ich ihm noch nicht genug
15 Mich lassen, wie mein Wille;
  Ich werd' durch mancherlei gestört
  Und unvermerkt davon gekehrt.
  So bleibet meine Plage.

  3.
20 Daß du in mir dich meldest an,
  Ich zwar als Gnad' bekenne,
  Doch weil ich dir nicht folgen kann,
  Ich's billig Plage nenne.
  Ich hab' von ferne 'was erblickt;
25 O Liebe, könnt' ich unverrückt
  Nur deiner Spur nachgehen!

  4.
  Mein eig'nes Wirken nutzet nicht,
  Die Liebe davor fliehet;
30 Ein allzufrei und stark Gesicht
  Macht, daß sie sich entziehet.
  O Liebe, setze mich in Ruh,
  Schließ selber meine Augen zu,
  Daß ich dich in mir sehe!

35 5.
  Was ist es mehr, was hindert mich,
  Daß ich nicht ein kann gehen
  In deine Ruhe wesentlich
  Und darin feste stehen?
40 Es ist dir ja, o Liebe, kund,
  Ergründe du den tiefsten Grund
  Und zeig die Hindernisse!

  6.
  Ist etwas, das ich neben dir
45 In aller Welt sollt' lieben,
  Ach, nimm es hin, bis nichts in mir
  Als du seist überblieben!
  Ich weiß, ich muß von allem los,
  Eh' ich in deinem Friedensschoß
50 Kann bleiben ohne Wanken.

  7.
  Entdeck, mein Gott, die Eigenheit,
  Die dir stets widerstrebet,
  Und was noch von Unlauterkeit
55 In meiner Seele lebet!
  Soll ich erreichen deine Ruh,
  So muß mein Aug' gerade zu
  Dich meinen und ansehen.

  8.
60 O Liebe, mach mein Herze frei
  Von ßeberlegen, Sorgen,
  Den eig'nen Willen brich entzwei
  Wie sehr er steckt verborgen!
  Ein recht gebeugt, einfältig Kind
65 Am ersten dich, o Liebe, find't;
  Da ist mein Herz und Wille.

  9.
  Ach nein, ich halte nichts zurück,
  Dir bin ich ganz verschrieben,
70 Ich weiß, es ist das höchste Glück,
  Dich lauterlich zu lieben.
  Hilf, daß ich nimmer weiche nur
  Von deiner reinen Liebesspur,
  Bis ich den Schatz erreiche!

75 10.
  Indessen zieh zu aller Stund',
  Laß mich zu dir mich kehren,
  Herr, rede du im Seelengrund,
  Da laß mich stets dich hören;
80 Ach, setze mit Maria mich
  Zu deinen Füßen inniglich!
  Dies Eins will ich erwählen.

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