Gottfried August Bürger Das Blümchen Wunderhold (1779)

  Es blüht ein Blümchen irgendwo
  In einem stillen Tal.
  Das schmeichelt Aug' und Herz so froh
  Wie Abendsonnenstrahl.
5 Das ist viel köstlicher als Gold,
  Als Perl' und Diamant.
  Drum wird es "Blümchen Wunderhold"
  Mit gutem Fug genannt.

  Wohl sänge sich ein langes Lied
10 Von meines Blümchens Kraft;
  Wie es am Leib' und am Gemüt
  So hohe Wunder schafft.
  Was kein geheimes Elixier
  Dir sonst gewähren kann,
15 Das leistet traun! mein Blümchen dir.
  Man säh' es ihm nicht an.

  Wer Wunderhold im Busen hegt,
  Wird wie ein Engel schön.
  Das hab' ich, inniglich bewegt,
20 An Mann und Weib gesehn.
  An Mann und Weib, alt oder jung,
  Zieht's, wie ein Talisman,
  Der schönsten Seelen Huldigung
  Unwiderstehlich an.

25 Auf steifem Hals ein Strotzerhaupt,
  Dess' Wangen hoch sich bläh'n,
  Dess' Nase nur nach Äther schnaubt,
  Läßt doch gewiß nicht schön.
  Wenn irgend nun ein Rang, wenn Gold
30 Zu steif den Hals dir gab,
  So schmeidigt ihn mein Wunderhold
  Und biegt dein Haupt herab.

  Es webet über dein Gesicht
  Der Anmut Rosenflor;
35 Und zieht des Auges grellem Licht
  Die Wimper mildernd vor.
  Es teilt der Flöte weichen Klang
  Des Schreiers Kehle mit,
  Und wandelt in Zephyrengang
40 Des Stürmers Poltertritt.

  Der Laute gleicht des Menschen Herz,
  Zu Sang und Klang gebaut,
  Doch spielen sie oft Lust und Schmerz
  Zu stürmisch und zu laut:
45 Der Schmerz, wann Ehre, Macht und Gold
  Vor deinen Wünschen fliehn,
  Und Lust, wann sie in deinen Sold
  Mit Siegeskränzen ziehn.

  O wie dann Wunderhold das Herz
50 So mild und lieblich stimmt!
  Wie allgefällig Ernst und Scherz
  In seinem Zauber schwimmt!
  Wie man alsdann nichts tut und spricht,
  Drob jemand zürnen kann!
55 Das macht, man trotzt und strotzet nicht
  Und drängt sich nicht voran.

  O wie man dann so wohlgemut,
  So friedlich lebt und webt!
  Wie um das Lager, wo man ruht,
60 Der Schlaf so segnend schwebt!
  Denn Wunderhold hält alles fern,
  Was giftig beißt und sticht;
  Und stäch' ein Molch auch noch so gern,
  So kann und kann er nicht.

65 Ich sing', o Lieber, glaub' es mir,
  Nichts aus der Fabelwelt,
  Wenn gleich ein solches Wunder dir
  Fast hart zu glauben fällt.
  Mein Lied ist nur ein Widerschein
70 Der Himmelslieblichkeit,
  Die Wunderhold auf Groß und Klein
  In Tun und Wesen streut.

  Ach! hättest du nur die gekannt,
  Die einst mein Kleinod war -
75 Der Tod entriß sie meiner Hand
  Hart hinterm Traualtar -
  Dann würdest du es ganz verstehn,
  Was Wunderhold vermag,
  Und in das Licht der Wahrheit sehn,
80 Wie in den hellen Tag.

  Wohl hundertmal verdankt' ich ihr
  Des Blümchens Segensflor.
  Sanft schob sie's in den Busen mir
  Zurück, wann ich's verlor.
85 Jetzt rafft ein Geist der Ungeduld
  Es oft mir aus der Brust.
  Erst, wann ich büße meine Schuld,
  Bereu' ich den Verlust.

  O was des Blümchens Wunderkraft
90 Am Leib' und am Gemüt
  Ihr, meiner Holdin, einst verschafft,
  Faßt nicht das längste Lied! -
  Weil's mehr, als Seide, Perl' und Gold
  Der Schönheit Zier verleiht,
95 So nenn' ich's "Blümchen Wunderhold",
  Sonst heißt's - Bescheidenheit.

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