Gottfried August Bürger

Die Entführung (1779)

  Knapp', sattle mir mein Dänenroß,
  Daß ich mir Ruh' erreite!
  Es wird mir hier zu eng' im Schloß;
  Ich will und muß ins Weite!"?
5 So rief der Ritter Karl in Hast,
  Voll Angst und Ahnung, sonder Rast.
  Es schien ihn fast zu plagen,
  Als hätt' er Wen erschlagen.

  Er sprengte, daß es Funken stob,
10 Hinunter von dem Hofe;
  Und als er kaum den Blick erhob,
  Sieh da! Gertrudens Zofe!
  Zusammenschrak der Rittersmann;
  Es packt ihn wie mit Krallen an
15 Und schüttelt ihn wie Fieber
  Hinüber und herüber.

  "Gott grüß' Euch, edler junger Herr!
  Gott geb' Euch Heil und Frieden!
  Mein armes Fräulein hat mich her
20 Zum letzten Mal beschieden.
  Verloren ist Euch Trudchen's Hand!
  Dem Junker Plump von Pommerland
  Hat sie vor aller Ohren
  Ihr Vater zugeschworen."

25 ""Mord!"" flucht er laut, bei Schwert und Spieß,
  ""Wo Karl dir noch gelüstet,
  So sollst du tief in's Burgverlies,
  Wo Molch und Unke nistet.
  Nicht rasten will ich Tag und Nacht,
30 Bis daß ich nieder ihn gemacht,
  Das Herz ihm ausgerissen
  Und das dir nachgeschmissen.""

  Jetzt in der Kammer zagt die Braut
  Und zuckt vor Herzenswehen
35 Und ächzet tief und weinet laut
  Und wünschet zu vergehen.
  Ach! Gott, der Herr, muß ihrer Pein,
  Bald muß und wird er gnädig sein.
  Hört Ihr zur Trauer läuten,
40 So wißt Ihr's auszudeuten.?

  ""Geh, meld' ihm, daß ich sterben muß!""
  Rief sie mit tausend Zähren.
  ""Geh, bring' ihm, ach! den letzten Gruß,
  Den er von mir wird hören!
45 Geh unter Gottes Schutz und bring
  Von mir ihm diesen goldnen Ring
  Und dieses Wehrgehenke,
  Wobei er mein gedenke!""?

  Zu Ohren braust' ihm, wie ein Meer,
50 Die Schreckenspost der Dirne.
  Die Berge wankten um ihn her,
  Es flirrt' ihm vor der Stirne.
  Doch jach, wie Windeswirbel fährt
  Und rührig Laub und Staub empört,
55 Ward seiner Lebensgeister
  Verzweiflungsmuth nun Meister.

  "Gottslohn! Gottslohn! du treue Magd,
  Kann ich's dir nicht bezahlen.
  Gottslohn! daß du mir's angesagt,
60 Zu hunderttausend Malen.
  Bis wohlgemuth und tummle dich!
  Flugs tummle dich zurück und sprich:
  Wär's auch aus tausend Ketten,
  So wollt' ich sie erretten!

65 Bis wohlgemuth und tummle dich!
  Flugs tummle dich von hinnen!
  Ha! Riesen, gegen Hieb und Stich,
  Wollt' ich sie abgewinnen.
  Sprich: Mitternachts, bei Sternenschein,
70 Wollt' ich vor ihrem Fenster sein,
  Mir geh' es, wie es gehe!
  Wohl, oder ewig wehe.

  Risch auf und fort!"? Wie Sporen trieb
  Des Ritters Wort die Dirne.
75 Tief holt' er wieder Luft und rieb
  Sich's klar vor Aug' und Stirne.
  Dann schwenkt' er hin und her sein Roß,
  Daß ihm der Schweiß vom Buge floß,
  Bis er sich Rath ersonnen
80 Und den Entschluß gewonnen.

  Drauf ließ er heim sein Silberhorn
  Von Dach und Zinnen schallen.
  Herangesprengt durch Korn und Dorn
  Kam stracks ein Heer Vasallen.
85 Draus zog er Mann bei Mann hervor
  Und raunt' ihm heimlich Ding in's Ohr:?
  "Wolauf! Wolan! Seid fertig
  Und meines Horns gewärtig!"?

  Als nun die Nacht Gebirg' und Thal
90 Vermummt in Rabenschatten
  Und Hochburg's Lampen überall
  Schon ausgeflimmert hatten
  Und alles tief entschlafen war,
  Doch nur das Fräulein immerdar
95 Voll Fieberangst noch wachte
  Und seinen Ritter dachte:

  Da horch! ein süßer Liebeston
  Kam leis' emporgeflogen.
  "Ho, Trudchen, ho! Da bin ich schon!
100 Risch auf! Dich angezogen!
  Ich, ich, dein Ritter, rufe dir;
  Geschwind, geschwind herab zu mir!
  Schon wartet dein die Leiter;
  Mein Klepper bringt dich weiter."?

105 "Ach nein, du Herzens-Karl, ach nein!
  Still, daß ich Nichts mehr höre!
  Entränn' ich, ach! mit dir allein,
  Dann wehe meiner Ehre!
  Nur noch ein letzter Liebeskuß
110 Sei, Liebster, dein und mein Genuß,
  Eh' ich im Todtenkleide
  Auf ewig von dir scheide."?

  "Ha, Kind! Auf meine Rittertreu
  Kannst du die Erde bauen.
115 Du kannst, beim Himmel! froh und frei
  Mir Ehr' und Leib vertrauen.
  Risch geht's nach meiner Mutter fort.
  Das Sacrament vereint uns dort.
  Komm, komm! Du bist geborgen.
120 Laß Gott und mich nur sorgen!"?

  "Mein Vater!... Ach! ein Reichsbaron!...
  So stolz von Ehrenstamme!...
  Laß ab! Laß ab! Wie beb' ich schon
  Vor seines Zornes Flamme!
125 Nicht rasten wird er Tag und Nacht,
  Bis daß er nieder dich gemacht,
  Das Herz dir ausgerissen
  Und das mir vorgeschmissen."?

  "Ha, Kind! Sei nur erst sattelfest,
130 So ist mir nicht mehr bange.?
  Dann steht uns offen Ost und West.?
  O zaudre nicht zu lange!
  Horch, Liebchen, horch!? Was rührte sich? ?
  Um Gottes willen! tummle dich!
135 Komm, komm! Die Nacht hat Ohren;
  Sonst sind wir ganz verloren."?

  Das Fräulein zagte,? stand, ? ich stand, ?
  Es graust' ihr durch die Glieder.?
  Da griff er nach der Schwanenhand
140 Und zog sie flink hernieder.
  Ach! Was ein Herzen, Mund und Brust,
  Mit Rang und Drang, voll Angst und Lust,
  Belauschten jetzt die Sterne
  Aus hoher Himmelsferne!?

145 Er nahm sein Lieb mit einem Schwung
  Und schwang's auf den Polacken.
  Hui! saß er selber auf und schlung
  Sein Heerhorn um den Nacken,
  Der Ritter hinten, Trudchen vorn.
150 Den Dänen trieb des Ritters Sporn,
  Die Peitsche den Polacken,
  Und Hochburg blieb im Nacken.?

  Ach! Leise hört die Mitternacht!
  Kein Wörtchen ging verloren.
155 Im nächsten Bett war aufgewacht
  Ein paar Verrätherohren.
  Des Fräuleins Sittenmeisterin,
  Voll Gier nach schnödem Geldgewinn,
  Sprang hurtig auf, die Thaten
160 Dem Alten zu verrathen.

  "Hallo! Hallo! Herr Reichsbaron!?
  Hervor aus Bett und Kammer!?
  Eu'r Fräulein Trudchen ist entflohn,
  Entflohn zu Schand und Jammer!
165 Schon reitet Karl von Eichenhorst
  Und jagt mit ihr durch Feld und Forst.
  Geschwind! Ihr dürft nicht weilen,
  Wollt ihr sie noch ereilen."

  Hui! auf der Freiherr, hui! heraus,
170 Bewehrte sich zum Streite
  Und donnerte durch Hof und Haus
  Und weckte seine Leute.?
  "Heraus, mein Sohn von Pommerland!
  Sitz auf! Nimm Lanz' und Schwert zur Hand!
175 Die Braut ist dir gestohlen;
  Fort, fort! sie einzuholen!"?

  Rasch ritt das Paar im Zwielicht schon,
  Da horch!? ein dumpfes Rufen ?
  Und horch!? erscholl ein Donnerton
180 Von Hochburg's Pferdehufen;
  Und wild kam Plump, den Zaum verhängt,
  Weit, weit voran dahergesprengt
  Und ließ zu Trudchens Grausen
  Vorbei die Lanze sausen.?

185 "Halt an! halt an! du Ehrendieb,
  Mit deiner losen Beute!
  Herbei vor meinen Klingenhieb!
  Dann raube wieder Bräute!
  Halt an, verlaufne Buhlerin,
190 Daß neben deinen Schurken hin
  Dich meine Rache strecke
  Und Schimpf und Schand' euch decke!"?

  "Das leugst du, Plump von Pommerland,
  Bei Gott und Ritterehre!
195 Herab! Herab! daß Schwert und Hand
  Dich andre Sitte lehre.?
  Halt Trudchen, halt' den Dänen an!?
  Herunter, Junker Grobian,
  Herunter von der Mähre,
200 Daß ich dich Sitte lehre!"?

  Ach! Trudchen, wie voll Angst und Noth!
  Sah hoch die Säbel schwingen.
  Hell funkelten im Morgenroth
  Die Damascenerklingen.
205 Von Kling und Klang, von Ach und Krach
  Ward rundumher das Echo wach;
  Von ihrer Fersen Stampfen
  Begann der Grund zu dampfen.

  Wie Wetter schlug des Liebsten Schwert
210 Den Ungeschliffnen nieder.
  Gerdtrudens Held blieb unversehrt,
  Und Plump erstand nicht wieder.?
  Nun weh, o weh! erbarm' es Gott!
  Kam fürchterlich, Galop und Trott,
215 Als Karl kaum ausgestritten,
  Der Nachtrab angeritten.?

  Trarah! Trarah! durch Feld und Wald
  Ließ Karl sein Horn nun schallen.
  Sieh da! Hervor vom Hinterhalt,
220 Hop hop! sein Heer Vasallen.?
  "Nun halt, Baron, und hör' ein Wort!
  Schau auf! Erblickst du Jene dort?
  Die sind zum Schlagen fertig
  Und meines Winks gewärtig.

225 Halt an! Halt an! und hör' ein Wort,
  Damit dich Nichts gereue!
  Dein Kind gab längst mir Treu' und Wort,
  Und ich ihm Wort und Treue.
  Willst du zerreißen Herz und Herz?
230 Soll dich ihr Blut, soll dich ihr Schmerz
  Vor Gott und Welt verklagen?
  Wolan! so laß uns schlagen!

  Noch halt! Bei Gott beschwör' ich dich!
  Bevor's dein Herz gereuet.
235 In Ehr' und Züchten hab' ich mich
  Dem Fräulein stets geweihet.
  Gib... Vater!... gib mir Trudchen's Hand!?
  Der Himmel gab mir Gold und Land.
  Mein Ritterruhm und Adel,
240 Gottlob! trotzt jedem Tadel."

  Ach! Trudchen, wie voll Angst und Noth!
  Verblüht' in Todesblässe.
  Vor Zorn der Freiherr heiß und roth
  Glich einer Feueresse.?
245 Und Trudchen warf sich auf den Grund;
  Sie rang die schönen Hände wund
  Und suchte baß mit Thränen
  Den Eifrer zu versöhnen.

  "O Vater, habt Barmherzigkeit
250 Mit Euerm armen Kinde!
  Verzeih' Euch, wie Ihr uns verzeiht,
  Der Himmel auch die Sünde!
  Glaubt, bester Vater, diese Flucht,
  Ich hätte nimmer sie versucht,
255 Wenn vor des Junkers Bette
  Mich nicht geekelt hätte.?

  Wie oft habt Ihr auf Knie und Hand
  Gewiegt mich und getragen!
  Wie oft: du Herzenskind! genannt,
260 Du Trost in alten Tagen!
  O Vater, Vater! Denkt zurück!
  Ermordet nicht mein ganzes Glück!
  Ihr tödtet sonst daneben
  Auch Eures Kindes Leben."?

265 Der Freiherr warf sein Haupt herum
  Und wies den krausen Nacken.
  Der Freiherr rieb, wie taub und stumm,
  Die dunkelrauhen Backen.?
  Vor Wehmuth brach ihm Herz und Blick;
270 Doch schlang er stolz den Strom zurück,
  Um nicht durch Vaterthränen
  Den Rittersinn zu höhnen.?

  Bald sanken Zorn und Ungestüm,
  Das Vaterherz wuchs über;
275 Von hellen Zähren strömten ihm
  Die stolzen Augen über.?
  Er hob sein Kind vom Boden auf,
  Er ließ der Herzensflut den Lauf
  Und wollte schier vergehen
280 Vor wundersüßen Wehen.?

  "Nun wol! Verzeih' mir Gott die Schuld,
  So wie ich dir verzeihe!
  Empfange meine Vaterhuld,
  Empfange sie auf's Neue!
285 In Gottes Namen, sei es drum!"?
  Hier wandt' er sich zum Ritter um?
  "Da! Nimm sie meinetwegen
  Und meinen ganzen Segen!

  Komm, nimm sie hin, und sei mein Sohn,
290 Wie ich dein Vater werde!
  Vergeben und vergessen schon
  Ist jegliche Beschwerde.
  Dein Vater, einst mein Ehrenfeind,
  Der's nimmer hold mit mir gemeint,
295 That Vieles mir zum Hohne.
  Ihn haßt' ich noch im Sohne.

  Mach's wieder gut! Mach's gut, mein Sohn,
  An mir und meinem Kinde!
  Auf daß ich meiner Güte Lohn
300 In deiner Güte finde.
  So segne dann, der auf uns sieht,
  Euch segne Gott von Glied zu Glied!
  Auf! Wechselt Ring' und Hände!
  Und hiermit Lied am Ende!"