Gottfried August Bürger Lenore fuhr ums Morgenrot (1779)

  Lenore fuhr ums Morgenrot
  Empor aus schweren Träumen:
  Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
  Wie lange willst du säumen?" -
5 Er war mit König Friedrichs Macht
  Gezogen in die Prager Schlacht
  Und hatte nicht geschrieben,
  Ob er gesund geblieben.

  Der König und die Kaiserin,
10 Des langen Haders müde,
  Erweichten ihren harten Sinn
  Und machten endlich Friede;
  Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
  Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
15 Geschmückt mit grünen Reisern,
  Zog heim zu seinen Häusern.

  Und überall, allüberall,
  Auf Wegen und auf Stegen,
  Zog alt und jung dem Jubelschall
20 Der Kommenden entgegen.
  Gottlob! rief Kind und Gattin laut,
  Willkommen! manche frohe Braut;
  Ach! aber für Lenoren
  War Gruß und Kuß verloren.

25 Sie frug den Zug wohl auf und ab
  Und frug nach allen Namen;
  Doch die erwünschte Kundschaft gab
  Nicht einer, so da kamen.
  Als nun das Heer vorüber war,
30 Zerraufte sie ihr Rabenhaar
  Und taumelte zur Erde
  Mit wilder Angstgebärde.

  Die Mutter lief wohl hin zu ihr:
  Ach! daß sich Gott erbarme!
35 Du trautes Kind! was ist mir dir?"
  Und schloß sie in die Arme.
  O Mutter, Mutter! Hin ist hin!
  Nun fahre Welt und alles hin!
  Gott heget kein Erbarmen;
40 O weh, o weh mir Armen!" -

  Hilf Gott! Hilf! Sieh' uns gnädig an!
  Kind, bet' ein Unser Vater!
  Was Gott thut, das ist wohlgetan,
  Gott, deines Heils Berater!" -
45 O Mutter, Mutter! Eitler Wahn!
  Gott hat an mir nicht wohlgetan!
  Was half, was half mein Beten?
  Nun ist's nicht mehr von nöten!" -

  Hilf, Gott! hilf! Wer den Vater kennt,
50 Der weiß, er hilft den Kindern.
  Das hochgelobte Sakrament
  Wird deinen Jammer lindern." -
  O Mutter, Mutter, was mich brennt,
  Das lindert mir kein Sakrament!
55 Kein Sakrament mag Leben
  Den Toten wiedergeben!" -

  Hör' Kind! Wie, wenn der falsche Mann
  Im fernen Ungerlande
  Sich seines Glaubens abgethan
60 Zum neuen Ehebande?
  Laß fahren, Kind, sein Herz dahin!
  Sein Herz hat's nimmermehr Gewinn!
  Wann Seel und Leib sich trennen,
  Wird ihn sein Meineid brennen!" -

65 O Mutter, Mutter! hin ist hin!
  Verloren ist verloren!
  Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!
  O wär ich nie geboren!
  Lisch aus, mein Licht! auf ewig aus!
70 Stirb hin! stirb hin! in Nacht und Graus!
  Kein Öl mag Glanz und Leben,
  Mag's nimmer wiedergeben!" -

  Hilf Gott! hilf! Geh' nicht ins Gericht
  Mit deinem armen Kinde!
75 Sie weiß nicht, was die Zunge spricht;
  Behalt' ihr nicht die Sünde!
  Ach Kind, vergiß dein irdisch Leid
  Und denk' an Gott und Seligkeit,
  So wird doch deiner Seelen
80 Der Bräutigam nicht fehlen!" -

  O Mutter! Was ist Seligkeit?
  O Mutter, was ist Hölle?
  Bei Wilhelm nur wohnt Seligkeit;
  Wo Wilhelm fehlt, brennt Hölle!
85 Lisch aus, mein Licht! auf ewig aus!
  Stirb hin! stirb hin! in Nacht und Graus!
  Ohn' ihn mag ich auf Erden,
  Mag dort nicht selig werden!" - -

  So wütete Verzweifelung
90 Ihr in Gehirn und Adern.
  Sie fuhr mit Gottes Fürsehung
  Vermessen fort zu hadern,
  Zerschlug den Busen und zerrang
  Die Hand bis Sonnenuntergang,
95 Bis auf am Himmelsbogen
  Die goldnen Sterne zogen.

  Und außen, horch! ging's trap trap trap,
  Als wie von Rosses Hufen,
  Und klirrend stieg ein Reiter ab
100 An des Geländers Stufen.
  Und horch! und horch! den Pfortenring
  Ging lose, leise, klinglingling!
  Dann kamen durch die Pforte
  Vernehmlich diese Worte:

105 Holla! Holla! Thu' auf, mein Kind!
  Schläfst, Liebchen, oder wachst du?
  Wie bist noch gegen mich gesinnt?
  Und weinest oder lachst du?" -
  Ach, Wilhelm! du? - So spät bei Nacht?
110 Geweinet hab' ich und gewacht;
  Ach! großes Leid erlitten!
  Wo kömmst du geritten?" -

  Wir satteln nur um Mitternacht.
  Weit ritt ich her von Böhmen:
115 Ich habe spät mich aufgemacht
  Und will dich mit mir nehmen!" -
  Ach, Wilhelm! erst herein geschwind!
  Den Hagedorn durchsaust der Wind!
  Herein, in meinen Armen,
120 Herzliebster, zu erwarmen!" -

  Laß sausen durch den Hagedorn,
  Laß sausen, Kind, laß sausen!
  Der Rappe scharrt! es klirrt der Sporn;
  Ich darf allhier nicht hausen!
125 Komm, schürze, spring' und schwinge dich
  Auf meinen Rappen hinter mich!
  Muß heut' noch hundert Meilen
  Mit dir ins Brautbett eilen." -

  Ach! wolltest hundert Meilen noch
130 Mich heut' ins Brautbett tragen?
  Und horch! Es brummt die Glocke noch,
  Die elf schon angeschlagen." -
  Komm', komm'! der volle Mond scheint hell;
  Wir und die Toten reiten schnell,
135 Ich bringe dich, zur Wette,
  Noch heut' ins Hochzeitbette." -

  Sag' an! wo? wie dein Kämmerlein?
  Wo? wie das Hochzeitbettchen?"-
  Weit, weit von hier! Still, kühl und klein! -
140 Sechs Bretter und zwei Brettchen!" -
  Hat's Raum für mich? - "Für dich und mich!
  Komm', schürze, spring' und schwinge dich!
  Die Hochzeitsgäste hoffen;
  Die Kammer steht uns offen." -

145 Und Liebchen schürzte, sprang und schwang
  Sich auf das Roß behende;
  Wohl um den trauten Reiter schlang
  Sie ihre Lilienhände,
  Haho! Haho! ha hopp hopp hopp!
150 Fort ging's im sausenden Galopp,
  Der volle Mond schien helle;
  Wie ritten die Toten so schnelle!

  Zur rechten und zur linken Hand
  Vorbei vor ihren Blicken
155 Wie flogen Anger, Heid' und Land!
  Wie donnerten die Brücken!
  Graut Liebchen auch? - Der Mond scheint hell!
  Hurra! Die Toten reiten schnell!
  Graut Liebchen auch vor Toten?" -

160 Ach nein! doch laß die Toten!
  Was klang dort für Gesang und Klang?
  Was flatterten die Raben?
  Horch, Glockenklang! Horch, Totensang!
  Laßt uns den Leib begraben!
165 Und näher zog ein Leichenzug,
  Der Sarg und Totenbahre trug.
  Das Lied war zu vergleichen
  Dem Unkenruf in Teichen.

  Nach Mitternacht begrabt den Leib
170 Mit Klang und Sang und Klage!
  Erst führ' ich heim mein junges Weib;
  Mit, mit zum Brautgelage!
  Komm', Küster, hier! Komm mit dem Chor
  Und gurgle mir das Brautlied vor!
175 Komm', Pfaff', und sprich den Segen,
  Eh' wir zu Bett uns legen!"-

  Still Klang und Sang - Die Bahre schwand. -
  Gehorsam seinem Rufen
  Kam's, hurre! hurre! nachgerannt
180 Hart hinters Rappen Hufen,
  Haho! haho! ha! hopp, hopp, hopp!
  Fort ging's im sausenden Galopp;
  Der volle Mond schien helle;
  Wie ritten die Toten so schnelle! -

185 Wie flogen rechts, wie flogen links
  Die Hügel, Bäum' und Hecken!
  Wie flogen links und rechts und links
  Die Dörfer, Städt' und Flecken!
  Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell!
190 Hurra! Die Toten reiten schnell!
  Graut Liebchen auch vor Toten?" -
  Ach! Laß sie ruhn, die Toten! -

  Sieh' da! Juchhei! Am Hochgericht
  Tanzt um des Rades Spindel,
195 Halb sichtbarlich, bei Mondenlicht,
  Ein luftiges Gesindel.
  Sa! sa! Gesindel, hier! komm' hier!
  Gesindel, komm und folge mir!
  Tanz' uns den Hochzeitreigen,
200 Wann wir das Bett besteigen!" -

  Und das Gesindel, husch, husch, husch!
  Kam hinten nach geprasselt,
  Wie Wirbelwind am Haselbusch
  Durch dürre Blätter rasselt.
205 Haho! haho! ha! hopp, hopp, hopp!
  Fort ging's im sausenden Galopp;
  Der volle Mond schien helle;
  Wie ritten die Toten so schnelle! -

  Wie flog, was rund der Mond beschien,
210 Wie flog es in die Ferne!
  Wie flogen oben überhin
  Der Himmel und die Sterne!
  Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell!
  Hurra! die Toten reiten schnell!
215 Graut Liebchen auch vor Toten?" -
  O weh! Laß ruhn die Toten! - - -

  Rapp'! Rapp'! Mich dünkt, der Hahn schon ruft, -
  Bald wird der Sand verrinnen. -
  Rapp'! Rapp'! Ich wittre Morgenluft,
220 Rapp'! Tummle dich von hinnen! -
  Vollbracht! Vollbracht ist unser Lauf!
  Das Hochzeitsbette thut sich auf;
  Wir sind, wir sind zur Stelle;
  Ha! reiten die Toten nicht schnelle?" -

225 Rasch auf ein eisern Gitterthor
  Ging's mit verhängtem Zügel;
  Mit schwanker Gert' ein Schlag davor
  Zersprengte Schloß und Riegel.
  Die Flügel flogen klirrend auf,
230 Und über Gräber ging der Lauf;
  Es blinkten Leichensteine
  Ringsum im Mondenscheine.

  Ha sieh'! ha sieh'! Im Augenblick,
  Hu! hu! ein gräßlich Wunder!
235 Des Reiters Koller, Stück für Stück,
  Fiel ab wie mürber Zunder,
  Zum Schädel ohne Zopf und Schopf,
  Zum nackten Schädel ward sein Kopf;
  Sein Körper zum Gerippe
240 Mit Stundenglas und Hippe.

  Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp'
  Und sprühte Feuerfunken;
  Und hui! war's unter ihr hinab
  Verschwunden und versunken!
245 Geheul! Geheul aus hoher Luft,
  Gewinsel kam aus tiefer Gruft;
  Lenorens Herz, mit Beben,
  Rang zwischen Tod und Leben.

  Nun tanzten wohl bei Mondenglanz
250 Rundum herum im Kreise
  Die Geister einen Kettentanz
  Und heulten diese Weise:
  Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht!
  Mit Gottes Allmacht hadre nicht!
255 Des Leibes bist du ledig;
  Gott sei der Seele gnädig!" Lenore fuhr ums Morgenrot
  Empor aus schweren Träumen:
  Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
  Wie lange willst du säumen?" -
260 Er war mit König Friedrichs Macht
  Gezogen in die Prager Schlacht
  Und hatte nicht geschrieben,
  Ob er gesund geblieben.

  Der König und die Kaiserin,
265 Des langen Haders müde,
  Erweichten ihren harten Sinn
  Und machten endlich Friede;
  Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
  Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
270 Geschmückt mit grünen Reisern,
  Zog heim zu seinen Häusern.

  Und überall, allüberall,
  Auf Wegen und auf Stegen,
  Zog alt und jung dem Jubelschall
275 Der Kommenden entgegen.
  Gottlob! rief Kind und Gattin laut,
  Willkommen! manche frohe Braut;
  Ach! aber für Lenoren
  War Gruß und Kuß verloren.

280 Sie frug den Zug wohl auf und ab
  Und frug nach allen Namen;
  Doch die erwünschte Kundschaft gab
  Nicht einer, so da kamen.
  Als nun das Heer vorüber war,
285 Zerraufte sie ihr Rabenhaar
  Und taumelte zur Erde
  Mit wilder Angstgebärde.

  Die Mutter lief wohl hin zu ihr:
  Ach! daß sich Gott erbarme!
290 Du trautes Kind! was ist mir dir?"
  Und schloß sie in die Arme.
  O Mutter, Mutter! Hin ist hin!
  Nun fahre Welt und alles hin!
  Gott heget kein Erbarmen;
295 O weh, o weh mir Armen!" -

  Hilf Gott! Hilf! Sieh' uns gnädig an!
  Kind, bet' ein Unser Vater!
  Was Gott thut, das ist wohlgetan,
  Gott, deines Heils Berater!" -
300 O Mutter, Mutter! Eitler Wahn!
  Gott hat an mir nicht wohlgetan!
  Was half, was half mein Beten?
  Nun ist's nicht mehr von nöten!" -

  Hilf, Gott! hilf! Wer den Vater kennt,
305 Der weiß, er hilft den Kindern.
  Das hochgelobte Sakrament
  Wird deinen Jammer lindern." -
  O Mutter, Mutter, was mich brennt,
  Das lindert mir kein Sakrament!
310 Kein Sakrament mag Leben
  Den Toten wiedergeben!" -

  Hör' Kind! Wie, wenn der falsche Mann
  Im fernen Ungerlande
  Sich seines Glaubens abgethan
315 Zum neuen Ehebande?
  Laß fahren, Kind, sein Herz dahin!
  Sein Herz hat's nimmermehr Gewinn!
  Wann Seel und Leib sich trennen,
  Wird ihn sein Meineid brennen!" -

320 O Mutter, Mutter! hin ist hin!
  Verloren ist verloren!
  Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!
  O wär ich nie geboren!
  Lisch aus, mein Licht! auf ewig aus!
325 Stirb hin! stirb hin! in Nacht und Graus!
  Kein Öl mag Glanz und Leben,
  Mag's nimmer wiedergeben!" -

  Hilf Gott! hilf! Geh' nicht ins Gericht
  Mit deinem armen Kinde!
330 Sie weiß nicht, was die Zunge spricht;
  Behalt' ihr nicht die Sünde!
  Ach Kind, vergiß dein irdisch Leid
  Und denk' an Gott und Seligkeit,
  So wird doch deiner Seelen
335 Der Bräutigam nicht fehlen!" -

  O Mutter! Was ist Seligkeit?
  O Mutter, was ist Hölle?
  Bei Wilhelm nur wohnt Seligkeit;
  Wo Wilhelm fehlt, brennt Hölle!
340 Lisch aus, mein Licht! auf ewig aus!
  Stirb hin! stirb hin! in Nacht und Graus!
  Ohn' ihn mag ich auf Erden,
  Mag dort nicht selig werden!" - -

  So wütete Verzweifelung
345 Ihr in Gehirn und Adern.
  Sie fuhr mit Gottes Fürsehung
  Vermessen fort zu hadern,
  Zerschlug den Busen und zerrang
  Die Hand bis Sonnenuntergang,
350 Bis auf am Himmelsbogen
  Die goldnen Sterne zogen.

  Und außen, horch! ging's trap trap trap,
  Als wie von Rosses Hufen,
  Und klirrend stieg ein Reiter ab
355 An des Geländers Stufen.
  Und horch! und horch! den Pfortenring
  Ging lose, leise, klinglingling!
  Dann kamen durch die Pforte
  Vernehmlich diese Worte:

360 Holla! Holla! Thu' auf, mein Kind!
  Schläfst, Liebchen, oder wachst du?
  Wie bist noch gegen mich gesinnt?
  Und weinest oder lachst du?" -
  Ach, Wilhelm! du? - So spät bei Nacht?
365 Geweinet hab' ich und gewacht;
  Ach! großes Leid erlitten!
  Wo kömmst du geritten?" -

  Wir satteln nur um Mitternacht.
  Weit ritt ich her von Böhmen:
370 Ich habe spät mich aufgemacht
  Und will dich mit mir nehmen!" -
  Ach, Wilhelm! erst herein geschwind!
  Den Hagedorn durchsaust der Wind!
  Herein, in meinen Armen,
375 Herzliebster, zu erwarmen!" -

  Laß sausen durch den Hagedorn,
  Laß sausen, Kind, laß sausen!
  Der Rappe scharrt! es klirrt der Sporn;
  Ich darf allhier nicht hausen!
380 Komm, schürze, spring' und schwinge dich
  Auf meinen Rappen hinter mich!
  Muß heut' noch hundert Meilen
  Mit dir ins Brautbett eilen." -

  Ach! wolltest hundert Meilen noch
385 Mich heut' ins Brautbett tragen?
  Und horch! Es brummt die Glocke noch,
  Die elf schon angeschlagen." -
  Komm', komm'! der volle Mond scheint hell;
  Wir und die Toten reiten schnell,
390 Ich bringe dich, zur Wette,
  Noch heut' ins Hochzeitbette." -

  Sag' an! wo? wie dein Kämmerlein?
  Wo? wie das Hochzeitbettchen?"-
  Weit, weit von hier! Still, kühl und klein! -
395 Sechs Bretter und zwei Brettchen!" -
  Hat's Raum für mich? - "Für dich und mich!
  Komm', schürze, spring' und schwinge dich!
  Die Hochzeitsgäste hoffen;
  Die Kammer steht uns offen." -

400 Und Liebchen schürzte, sprang und schwang
  Sich auf das Roß behende;
  Wohl um den trauten Reiter schlang
  Sie ihre Lilienhände,
  Haho! Haho! ha hopp hopp hopp!
405 Fort ging's im sausenden Galopp,
  Der volle Mond schien helle;
  Wie ritten die Toten so schnelle!

  Zur rechten und zur linken Hand
  Vorbei vor ihren Blicken
410 Wie flogen Anger, Heid' und Land!
  Wie donnerten die Brücken!
  Graut Liebchen auch? - Der Mond scheint hell!
  Hurra! Die Toten reiten schnell!
  Graut Liebchen auch vor Toten?" -

415 Ach nein! doch laß die Toten!
  Was klang dort für Gesang und Klang?
  Was flatterten die Raben?
  Horch, Glockenklang! Horch, Totensang!
  Laßt uns den Leib begraben!
420 Und näher zog ein Leichenzug,
  Der Sarg und Totenbahre trug.
  Das Lied war zu vergleichen
  Dem Unkenruf in Teichen.

  Nach Mitternacht begrabt den Leib
425 Mit Klang und Sang und Klage!
  Erst führ' ich heim mein junges Weib;
  Mit, mit zum Brautgelage!
  Komm', Küster, hier! Komm mit dem Chor
  Und gurgle mir das Brautlied vor!
430 Komm', Pfaff', und sprich den Segen,
  Eh' wir zu Bett uns legen!"-

  Still Klang und Sang - Die Bahre schwand. -
  Gehorsam seinem Rufen
  Kam's, hurre! hurre! nachgerannt
435 Hart hinters Rappen Hufen,
  Haho! haho! ha! hopp, hopp, hopp!
  Fort ging's im sausenden Galopp;
  Der volle Mond schien helle;
  Wie ritten die Toten so schnelle! -

440 Wie flogen rechts, wie flogen links
  Die Hügel, Bäum' und Hecken!
  Wie flogen links und rechts und links
  Die Dörfer, Städt' und Flecken!
  Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell!
445 Hurra! Die Toten reiten schnell!
  Graut Liebchen auch vor Toten?" -
  Ach! Laß sie ruhn, die Toten! -

  Sieh' da! Juchhei! Am Hochgericht
  Tanzt um des Rades Spindel,
450 Halb sichtbarlich, bei Mondenlicht,
  Ein luftiges Gesindel.
  Sa! sa! Gesindel, hier! komm' hier!
  Gesindel, komm und folge mir!
  Tanz' uns den Hochzeitreigen,
455 Wann wir das Bett besteigen!" -

  Und das Gesindel, husch, husch, husch!
  Kam hinten nach geprasselt,
  Wie Wirbelwind am Haselbusch
  Durch dürre Blätter rasselt.
460 Haho! haho! ha! hopp, hopp, hopp!
  Fort ging's im sausenden Galopp;
  Der volle Mond schien helle;
  Wie ritten die Toten so schnelle! -

  Wie flog, was rund der Mond beschien,
465 Wie flog es in die Ferne!
  Wie flogen oben überhin
  Der Himmel und die Sterne!
  Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell!
  Hurra! die Toten reiten schnell!
470 Graut Liebchen auch vor Toten?" -
  O weh! Laß ruhn die Toten! - - -

  Rapp'! Rapp'! Mich dünkt, der Hahn schon ruft, -
  Bald wird der Sand verrinnen. -
  Rapp'! Rapp'! Ich wittre Morgenluft,
475 Rapp'! Tummle dich von hinnen! -
  Vollbracht! Vollbracht ist unser Lauf!
  Das Hochzeitsbette thut sich auf;
  Wir sind, wir sind zur Stelle;
  Ha! reiten die Toten nicht schnelle?" -

480 Rasch auf ein eisern Gitterthor
  Ging's mit verhängtem Zügel;
  Mit schwanker Gert' ein Schlag davor
  Zersprengte Schloß und Riegel.
  Die Flügel flogen klirrend auf,
485 Und über Gräber ging der Lauf;
  Es blinkten Leichensteine
  Ringsum im Mondenscheine.

  Ha sieh'! ha sieh'! Im Augenblick,
  Hu! hu! ein gräßlich Wunder!
490 Des Reiters Koller, Stück für Stück,
  Fiel ab wie mürber Zunder,
  Zum Schädel ohne Zopf und Schopf,
  Zum nackten Schädel ward sein Kopf;
  Sein Körper zum Gerippe
495 Mit Stundenglas und Hippe.

  Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp'
  Und sprühte Feuerfunken;
  Und hui! war's unter ihr hinab
  Verschwunden und versunken!
500 Geheul! Geheul aus hoher Luft,
  Gewinsel kam aus tiefer Gruft;
  Lenorens Herz, mit Beben,
  Rang zwischen Tod und Leben.

  Nun tanzten wohl bei Mondenglanz
505 Rundum herum im Kreise
  Die Geister einen Kettentanz
  Und heulten diese Weise:
  Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht!
  Mit Gottes Allmacht hadre nicht!
510 Des Leibes bist du ledig;
  Gott sei der Seele gnädig!" Lenore fuhr ums Morgenrot
  Empor aus schweren Träumen:
  Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
  Wie lange willst du säumen?" -
515 Er war mit König Friedrichs Macht
  Gezogen in die Prager Schlacht
  Und hatte nicht geschrieben,
  Ob er gesund geblieben.

  Der König und die Kaiserin,
520 Des langen Haders müde,
  Erweichten ihren harten Sinn
  Und machten endlich Friede;
  Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
  Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
525 Geschmückt mit grünen Reisern,
  Zog heim zu seinen Häusern.

  Und überall, allüberall,
  Auf Wegen und auf Stegen,
  Zog alt und jung dem Jubelschall
530 Der Kommenden entgegen.
  Gottlob! rief Kind und Gattin laut,
  Willkommen! manche frohe Braut;
  Ach! aber für Lenoren
  War Gruß und Kuß verloren.

535 Sie frug den Zug wohl auf und ab
  Und frug nach allen Namen;
  Doch die erwünschte Kundschaft gab
  Nicht einer, so da kamen.
  Als nun das Heer vorüber war,
540 Zerraufte sie ihr Rabenhaar
  Und taumelte zur Erde
  Mit wilder Angstgebärde.

  Die Mutter lief wohl hin zu ihr:
  Ach! daß sich Gott erbarme!
545 Du trautes Kind! was ist mir dir?"
  Und schloß sie in die Arme.
  O Mutter, Mutter! Hin ist hin!
  Nun fahre Welt und alles hin!
  Gott heget kein Erbarmen;
550 O weh, o weh mir Armen!" -

  Hilf Gott! Hilf! Sieh' uns gnädig an!
  Kind, bet' ein Unser Vater!
  Was Gott thut, das ist wohlgetan,
  Gott, deines Heils Berater!" -
555 O Mutter, Mutter! Eitler Wahn!
  Gott hat an mir nicht wohlgetan!
  Was half, was half mein Beten?
  Nun ist's nicht mehr von nöten!" -

  Hilf, Gott! hilf! Wer den Vater kennt,
560 Der weiß, er hilft den Kindern.
  Das hochgelobte Sakrament
  Wird deinen Jammer lindern." -
  O Mutter, Mutter, was mich brennt,
  Das lindert mir kein Sakrament!
565 Kein Sakrament mag Leben
  Den Toten wiedergeben!" -

  Hör' Kind! Wie, wenn der falsche Mann
  Im fernen Ungerlande
  Sich seines Glaubens abgethan
570 Zum neuen Ehebande?
  Laß fahren, Kind, sein Herz dahin!
  Sein Herz hat's nimmermehr Gewinn!
  Wann Seel und Leib sich trennen,
  Wird ihn sein Meineid brennen!" -

575 O Mutter, Mutter! hin ist hin!
  Verloren ist verloren!
  Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!
  O wär ich nie geboren!
  Lisch aus, mein Licht! auf ewig aus!
580 Stirb hin! stirb hin! in Nacht und Graus!
  Kein Öl mag Glanz und Leben,
  Mag's nimmer wiedergeben!" -

  Hilf Gott! hilf! Geh' nicht ins Gericht
  Mit deinem armen Kinde!
585 Sie weiß nicht, was die Zunge spricht;
  Behalt' ihr nicht die Sünde!
  Ach Kind, vergiß dein irdisch Leid
  Und denk' an Gott und Seligkeit,
  So wird doch deiner Seelen
590 Der Bräutigam nicht fehlen!" -

  O Mutter! Was ist Seligkeit?
  O Mutter, was ist Hölle?
  Bei Wilhelm nur wohnt Seligkeit;
  Wo Wilhelm fehlt, brennt Hölle!
595 Lisch aus, mein Licht! auf ewig aus!
  Stirb hin! stirb hin! in Nacht und Graus!
  Ohn' ihn mag ich auf Erden,
  Mag dort nicht selig werden!" - -

  So wütete Verzweifelung
600 Ihr in Gehirn und Adern.
  Sie fuhr mit Gottes Fürsehung
  Vermessen fort zu hadern,
  Zerschlug den Busen und zerrang
  Die Hand bis Sonnenuntergang,
605 Bis auf am Himmelsbogen
  Die goldnen Sterne zogen.

  Und außen, horch! ging's trap trap trap,
  Als wie von Rosses Hufen,
  Und klirrend stieg ein Reiter ab
610 An des Geländers Stufen.
  Und horch! und horch! den Pfortenring
  Ging lose, leise, klinglingling!
  Dann kamen durch die Pforte
  Vernehmlich diese Worte:

615 Holla! Holla! Thu' auf, mein Kind!
  Schläfst, Liebchen, oder wachst du?
  Wie bist noch gegen mich gesinnt?
  Und weinest oder lachst du?" -
  Ach, Wilhelm! du? - So spät bei Nacht?
620 Geweinet hab' ich und gewacht;
  Ach! großes Leid erlitten!
  Wo kömmst du geritten?" -

  Wir satteln nur um Mitternacht.
  Weit ritt ich her von Böhmen:
625 Ich habe spät mich aufgemacht
  Und will dich mit mir nehmen!" -
  Ach, Wilhelm! erst herein geschwind!
  Den Hagedorn durchsaust der Wind!
  Herein, in meinen Armen,
630 Herzliebster, zu erwarmen!" -

  Laß sausen durch den Hagedorn,
  Laß sausen, Kind, laß sausen!
  Der Rappe scharrt! es klirrt der Sporn;
  Ich darf allhier nicht hausen!
635 Komm, schürze, spring' und schwinge dich
  Auf meinen Rappen hinter mich!
  Muß heut' noch hundert Meilen
  Mit dir ins Brautbett eilen." -

  Ach! wolltest hundert Meilen noch
640 Mich heut' ins Brautbett tragen?
  Und horch! Es brummt die Glocke noch,
  Die elf schon angeschlagen." -
  Komm', komm'! der volle Mond scheint hell;
  Wir und die Toten reiten schnell,
645 Ich bringe dich, zur Wette,
  Noch heut' ins Hochzeitbette." -

  Sag' an! wo? wie dein Kämmerlein?
  Wo? wie das Hochzeitbettchen?"-
  Weit, weit von hier! Still, kühl und klein! -
650 Sechs Bretter und zwei Brettchen!" -
  Hat's Raum für mich? - "Für dich und mich!
  Komm', schürze, spring' und schwinge dich!
  Die Hochzeitsgäste hoffen;
  Die Kammer steht uns offen." -

655 Und Liebchen schürzte, sprang und schwang
  Sich auf das Roß behende;
  Wohl um den trauten Reiter schlang
  Sie ihre Lilienhände,
  Haho! Haho! ha hopp hopp hopp!
660 Fort ging's im sausenden Galopp,
  Der volle Mond schien helle;
  Wie ritten die Toten so schnelle!

  Zur rechten und zur linken Hand
  Vorbei vor ihren Blicken
665 Wie flogen Anger, Heid' und Land!
  Wie donnerten die Brücken!
  Graut Liebchen auch? - Der Mond scheint hell!
  Hurra! Die Toten reiten schnell!
  Graut Liebchen auch vor Toten?" -

670 Ach nein! doch laß die Toten!
  Was klang dort für Gesang und Klang?
  Was flatterten die Raben?
  Horch, Glockenklang! Horch, Totensang!
  Laßt uns den Leib begraben!
675 Und näher zog ein Leichenzug,
  Der Sarg und Totenbahre trug.
  Das Lied war zu vergleichen
  Dem Unkenruf in Teichen.

  Nach Mitternacht begrabt den Leib
680 Mit Klang und Sang und Klage!
  Erst führ' ich heim mein junges Weib;
  Mit, mit zum Brautgelage!
  Komm', Küster, hier! Komm mit dem Chor
  Und gurgle mir das Brautlied vor!
685 Komm', Pfaff', und sprich den Segen,
  Eh' wir zu Bett uns legen!"-

  Still Klang und Sang - Die Bahre schwand. -
  Gehorsam seinem Rufen
  Kam's, hurre! hurre! nachgerannt
690 Hart hinters Rappen Hufen,
  Haho! haho! ha! hopp, hopp, hopp!
  Fort ging's im sausenden Galopp;
  Der volle Mond schien helle;
  Wie ritten die Toten so schnelle! -

695 Wie flogen rechts, wie flogen links
  Die Hügel, Bäum' und Hecken!
  Wie flogen links und rechts und links
  Die Dörfer, Städt' und Flecken!
  Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell!
700 Hurra! Die Toten reiten schnell!
  Graut Liebchen auch vor Toten?" -
  Ach! Laß sie ruhn, die Toten! -

  Sieh' da! Juchhei! Am Hochgericht
  Tanzt um des Rades Spindel,
705 Halb sichtbarlich, bei Mondenlicht,
  Ein luftiges Gesindel.
  Sa! sa! Gesindel, hier! komm' hier!
  Gesindel, komm und folge mir!
  Tanz' uns den Hochzeitreigen,
710 Wann wir das Bett besteigen!" -

  Und das Gesindel, husch, husch, husch!
  Kam hinten nach geprasselt,
  Wie Wirbelwind am Haselbusch
  Durch dürre Blätter rasselt.
715 Haho! haho! ha! hopp, hopp, hopp!
  Fort ging's im sausenden Galopp;
  Der volle Mond schien helle;
  Wie ritten die Toten so schnelle! -

  Wie flog, was rund der Mond beschien,
720 Wie flog es in die Ferne!
  Wie flogen oben überhin
  Der Himmel und die Sterne!
  Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell!
  Hurra! die Toten reiten schnell!
725 Graut Liebchen auch vor Toten?" -
  O weh! Laß ruhn die Toten! - - -

  Rapp'! Rapp'! Mich dünkt, der Hahn schon ruft, -
  Bald wird der Sand verrinnen. -
  Rapp'! Rapp'! Ich wittre Morgenluft,
730 Rapp'! Tummle dich von hinnen! -
  Vollbracht! Vollbracht ist unser Lauf!
  Das Hochzeitsbette thut sich auf;
  Wir sind, wir sind zur Stelle;
  Ha! reiten die Toten nicht schnelle?" -

735 Rasch auf ein eisern Gitterthor
  Ging's mit verhängtem Zügel;
  Mit schwanker Gert' ein Schlag davor
  Zersprengte Schloß und Riegel.
  Die Flügel flogen klirrend auf,
740 Und über Gräber ging der Lauf;
  Es blinkten Leichensteine
  Ringsum im Mondenscheine.

  Ha sieh'! ha sieh'! Im Augenblick,
  Hu! hu! ein gräßlich Wunder!
745 Des Reiters Koller, Stück für Stück,
  Fiel ab wie mürber Zunder,
  Zum Schädel ohne Zopf und Schopf,
  Zum nackten Schädel ward sein Kopf;
  Sein Körper zum Gerippe
750 Mit Stundenglas und Hippe.

  Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp'
  Und sprühte Feuerfunken;
  Und hui! war's unter ihr hinab
  Verschwunden und versunken!
755 Geheul! Geheul aus hoher Luft,
  Gewinsel kam aus tiefer Gruft;
  Lenorens Herz, mit Beben,
  Rang zwischen Tod und Leben.

  Nun tanzten wohl bei Mondenglanz
760 Rundum herum im Kreise
  Die Geister einen Kettentanz
  Und heulten diese Weise:
  Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht!
  Mit Gottes Allmacht hadre nicht!
765 Des Leibes bist du ledig;
  Gott sei der Seele gnädig!

Neuen Kommentar hinzufügen

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt, die Moderation der Kommentare liegt allein bei Lyrik123.de. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.