Gottfried Keller Aber auch den Föhrenwald – 1. Fassung (1845)

  Aber auch den Föhrenwald
  Laß ich mir nicht schelten,
  Wenn mein Jauchzen widerhallt
  In dem sonnerhellten!

5 Heiter ist's und aufgeräumt,
  Und das Weh'n der Föhren,
  Wenn die Luft in ihnen träumt,
  Angenehm zu hören!

  Reichen Königskindern gleich
10 Steh'n sie da im Bunde;
  Jedes erbt sein Königreich
  In dem grünen Grunde.

  Aber oben eng verwebt,
  Eine Bürgerkrone
15 Die Genossenschaft erhebt
  Stolz zum Sonnenthrone.

  Schmach und Gram umfängt sie nie,
  Nimmer Lebensreue;
  Schnell und mutig wachsen sie
20 In des Himmels Bläue.

  Wenn ein Stamm im Sturme bricht
  Halten ihn die Brüder,
  Und er sinkt zur Erde nicht,
  Schwebend hängt er nieder.

25 In den Stämmen oft ein Laut
  Hallet einsam wider;
  Üppig, wie das Farrenkraut,
  Wachsen mir die Lieder!

  Wie ein Quell versiegt der Schmerz,
30 Schwindet jede Grille;
  Großen Unfug treibt mein Herz
  In der Föhrenstille.

  Weihrauchwolken ein und aus
  Durch die Räume wallen –
35 Bin ich in ein Gotteshaus
  Etwa eingefallen?

  Doch der Unsichtbare läßt
  Lächelnd es geschehen,
  Wenn mein wildes Kirchenfest
40 Ich hier will begehen.

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