Gottfried Keller Bei einer Kindesleiche (1845)

  Den Niemand kommen hört und kommen sieht,
  Er hat geweht, der Wind, den Baum geschwungen,
  Dess' Wurzelwerk die Erde überzieht,
  In dessen Kron' ich dieses Lied gesungen;
5 Das jüngste Knösplein, gestern dran erblüht,
  Hat über Nacht sich leise losgerungen;
  Es fiel, und niemand gab wohl weiter acht,
  Als ich, der mit dem Zufall hielt die Wacht.

  So bist erlöscht du, lieblich junges Licht,
10 Das mir erquickend in das Herz gezündet?
  Noch sprach zwei Wörtchen deine Zunge nicht,
  Doch hat dein Lallen mir so viel verkündet!
  Das Sehnen, das die zartsten Bande flicht,
  Es hat tiefinnig mich mit dir verbündet;
15 Ja, vor viel Großem unter dieser Sonnen
  Hab' ich dich kleinen Nachbar wert gewonnen!

  Ob ich gen Himmel sah in's blaue Meer,
  Ob in dein Aug', es war das gleiche Schauen;
  Es leuchtete aus diesen Sternen her
20 Ursprünglich helles Licht von schönern Auen.
  Wie oft senkt' ich den Blick, von Mühsal schwer,
  Ihn frischend, tief in dies verklärte Blauen!
  Wie war das Lachen deines Mundes fein!
  Wie echt war uns're Freundschaft, still und rein!

25 Nie hab an deine Zukunft ich gedacht,
  War ja die Gegenwart so klar und heiter!
  Du hast wie eine Blume mir gelacht,
  Nicht dacht' ich an gereifte Früchte weiter;
  Ob einst vielleicht ein Held in dir erwacht',
30 Ob du am Fuße bliebst der langen Leiter:
  Du lieblich Kind warst in dir selbst vollkommen -
  Was sollte dir und mir die Sorge frommen?

  Zu der du wiederkehrst, grüß' mir die Quelle,
  Des Lebens Born, doch besser, grüß' das Meer,
35 Das Eine Meer des Lebens, dessen Welle
  Hoch flutet um die dunkle Klippe her,
  Darauf er sitzt, der traurige Geselle,
  Der Tod, verlassen, einsam, tränenschwer,
  Wenn ihm die Seelen, kaum hier eingefangen,
40 Laut jubelnd wieder in die See gegangen.

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