Gottfried Keller Der Narr des Grafen von Zimmern (1879)

  Was rollt so zierlich, klingt so lieb
  Trepp' auf und ab im Schloß?
  Das ist des Grafen Zeitvertreib
  Und stündlicher Genoß:
5 Sein Narr, annoch ein halbes Kind
  Und rosiges Gesellchen,
  So leicht und luftig wie der Wind,
  Und trägt den Kopf voll Schellchen.

  Noch ohne Arg, wie ohne Bart,
10 An Possen reich genug,
  Ist doch der Fant von guter Art
  Und in der Torheit klug;
  Und was vergecken und verdreh'n
  Die zappeligen Hände,
15 Gerät ihm oft wie aus Verseh'n
  Zuletzt zum guten Ende.

  Der Graf mit seinem Hofgesind
  Weilt in der Burgkapell',
  Da ist, wie schon das Amt beginnt,
20 Kein Ministrant zur Stell';
  Rasch nimmt der Pfaff' den Narr'n bei'm Ohr
  Und zieht ihn zum Altare;
  Der Knabe sieht sich fleißig vor,
  Daß er nach Bräuchen fahre.

25 Und gut, als wär' er's längst gewohnt,
  Bedient er den Kaplan;
  Doch wann's die Müh' am besten lohnt,
  Bricht oft der Unstern an;
  Denn als die heil'ge Hostia
30 Vom Priester wird erhoben,
  O Schreck! so ist kein Glöcklein da,
  Den süßen Gott zu loben!

  Ein Weilchen bleibt es totenstill,
  Erbleichend lauscht der Graf,
35 Der gleich ein Unheil ahnen will,
  Das ihn vom Himmel traf.
  Doch schon hat sich der Narr bedacht
  Den Handel zu versöhnen;
  Die Kappe schüttelt er mit Macht,
40 Daß alle Glöcklein tönen!

  Da strahlt von dem Ciborium
  Ein gold'nes Leuchten aus;
  Es glänzt und duftet um und um
  Im kleinen Gotteshaus,
45 Wie wenn des Himmels Majestät
  In frischen Veilchen läge:
  Der Herr, der durch die Wandlung geht, –
  Er lächelt auf dem Wege!

Neuen Kommentar hinzufügen

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt, die Moderation der Kommentare liegt allein bei Lyrik123.de. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.